Helferinnen aus Asylkreis berichten von bürokratischen Hemmnissen

Fingerabdruck kontra Integration

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Symbolbild

Eppertshausen - Deutsch lernen, arbeiten sich integrieren – so sollte es idealerweise laufen mit den Geflüchteten in Deutschland. Von Katrin Muhl 

Acht Ehrenamtliche aus Eppertshausens Asylkreis bemühen sich derzeit darum, Sprachanfängern Grundkenntnisse und allgemeine Redewendungen beizubringen. Nicht alles läuft reibungslos. Weil die Teilnahme freiwillig und ohne Anmeldung möglich ist, sind die Gruppen mal größer, mal kleiner und die einzelnen Sprachniveaus höchst unterschiedlich. Die Grenze in den von Laien geleitenden Kursen ist daher schnell erreicht. Das zumindest berichten Monika Liegl (60), Heilpraktikerin, und Patrizia Rogg (53), Management-Assistentin, aus Eppertshausen. Beide Frauen haben beim Asylkreis bis vor Kurzem selbst Sprachunterricht gegeben und wissen: Fortgeschrittene lernen da kaum noch etwas dazu. Besser wäre da ein Integrationskurs, wie ihn etwa die Volkshochschule im „Haus der Vereine“ anbietet.

Laut dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) steht die Teilnahme an solchen Kursen denjenigen Flüchtlingen zu, die aus Ländern mit guter Bleibeperspektive – aktuell sind das Somalia, Eritrea, Syrien, Iran und Irak – kommen, überdies einen Asylantrag in Deutschland gestellt haben und bei denen kein Eurodac-Treffer vorliegt (was der Fall ist, wenn Flüchtlinge in einem anderen europäischen Land erstmals registriert wurden). Kriterien, die kaum erfüllbar sind, meinen Liegl und Rogg. Besonders die Bestimmung über den Eurodac-Treffer stößt ihnen übel auf. „Denn entsprechend der Dublin-Verordnung wäre Deutschland, das keine für die Einreise relevante Meeresgrenze hat, nur zuständig, wenn Flüchtlinge per Flugzeug oder Fallschirm einreisen“, sagen sie zynisch. Dass das auf die Wenigsten zutreffe, verstehe sich von selbst.

Briefe an Tarek Al-Wazir und Co.

In einem Brief wenden sie sich mit ihrem Anliegen, die Zugangsvoraussetzungen für die Teilnahme an einem Integrationskurs zu lockern, an das Hessische Ministerium der Justiz, für Integration und Europa, an Peter Altmaier (Minister für Besondere Angelegenheiten), an Aydan Özoguz (Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration) sowie an Grünen-Politiker Tarek Al-Wazir. In ihrem Schreiben ist auch die Rede von Ismael (Name geändert), einem 22-jährigen Somalier, den die Frauen als hochmotivierten Musterschüler beschreiben. Sein Beispiel dient ihnen zur Illustration des Dilemmas, das sie in der gegenwärtigen Gesetzeslage begründet sehen.

Über das Sprachniveau der Laien-Kurse sei Ismael längst hinausgewachsen. Einen Integrationskurs darf er aber nicht besuchen. Zwar kommt er aus einem Land mit guter Bleibeperspektive, doch einen Asylantrag konnte Ismael bis heute nicht stellen – obwohl seit seiner Ankunft bereits 22 Monate vergangen sind. Liegl meint zu wissen, woran das liegt: „Seit Monaten werden Länder mit höchster Bleibeperspektive wie Syrer und Eritreer sowie Länder mit größter Abschiebewahrscheinlichkeit, das sind die Westbalkanländer, abgearbeitet. Da bleiben Angehörige anderer Länder auf der Strecke.“ Sollte Ismael bald einen Antrag stellen können, wird entschieden, ob er nach Ungarn zurück muss, wo er seinen ersten Fingerabdruck gegeben hat (also ein Eurodac-Treffer vorliegt) oder ob Deutschland aus humanitären Gründen selbst über den Asylantrag entscheidet. Liegl und Rogg gehen davon aus, dass sowohl Ismael als auch etliche weitere Flüchtlinge trotz Eurodac-Treffer in Deutschland bleiben werden.

Fluchterfahrungen von Prominenten und Künstlern

Deshalb finden sie es sinnvoll, auch ihnen den Zugang zu Integrationskursen zu ermöglichen. Andernfalls verstreiche viel Zeit, die den Steuerzahler unnötig Geld koste und bei den wartenden Flüchtlingen „günstigenfalls zu Lethargie, oft aber zur Flucht in Drogen und zu einer Offenheit gegenüber terroristischen Gruppierungen, die im Gegensatz zu uns eine Perspektive aufzeigen“ führe.

Sollte der Staat zu kurzsichtig sein, um die wertvolle Zeit zu nutzen, seien Unternehmen gefragt, „die bereit sind, motivierten Flüchtlingen einen Sprachkurs zu finanzieren oder denjenigen die in der deutschen Sprache schon auf Level B1 sind, die Möglichkeit eines Praktikums und bei Eignung die anschließende staatlich geförderte Einstiegsqualifizierung zu ermöglichen.“ Bei Fragen steht Monika Liegl als Ansprechpartnerin bereit unter der E-Mail-Adresse monika.liegl@gmail.com.

Quelle: op-online.de

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