Pfarrer Harald Röper im Interview

„Mehr Mauern kommen hinzu“

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Nach derzeitigem Planungsstand wird Pfarrer Harald Christian Röper Eppertshausen auch in Zukunft erhalten bleiben.

Eppertshausen - Vor wenigen Tagen hat Pfarrer Harald Christian Röper seinen 75. Geburtstag gefeiert. Die Bibel legte er stets als unverrückbare Prämisse im sozialen Bereich aus und ging mit seinem Pfarrhaus, das über viele Jahre Obdach für Schutzbedürftige, Geflohene und Ausgegrenzte war, mit gutem Beispiel voran. Wie blickt er nach seinem Jubiläum in die Zukunft? Unser Mitarbeiter Michael Just hat mit ihm gesprochen.

75 Jahre ist ein Alter, das viele Geburtstagskinder nachdenklich macht. Oft kommt noch ein wenig Entsetzen über die fortgeschrittene Zeit dazu. Ist das bei Ihnen genauso?

Ein Schock war mit dem Geburtstag nicht verbunden. Man merkt in erster Linie, dass Dinge vor allem körperlich nicht mehr so sind wie früher. Das ist aber eine gute Demutsübung.

Verbinden Sie mit einer solchen Lebenszahl auch einen Blick zurück? Wie würde ein Fazit ausfallen?

Beim Fazit halte ich es ganz schlicht mit dem Evangelisten Lukas. Der sagte, dass er nur das getan habe, was er zu tun schuldig war. In meinem Pfarrhaus wohnten zuvor immer Hilfesuchende, darunter Jugendliche und junge Erwachsene, die es zu Hause nicht mehr ausgehalten haben. In ihren Fällen trug ich im Vorfeld nie groß nach Außen, dass sie in der Not hierherkommen dürfen. Die jungen Leute standen plötzlich da und es wurde keiner weggeschickt. Ich denke, dass ich damit unter anderem meiner Pflicht nachgekommen bin.

Der Begriff „Pflicht“ wird von vielen mit einer Bürde gleichgesetzt. Sie halten es da eher mit dem Philosophen Tagore. Was sagte der?

„Ich schlief und träumte das Leben sei Freude. Ich erwachte und sah, das Leben war Pflicht. Ich handelte, und siehe, die Pflicht war Freude.“

Schauen Sie beim Blick zurück meist weniger auf sich selbst als auf den Wandel in der Gesellschaft?

Da bin ich der Meinung, dass früher einiges besser war. Dazu gehört das Miteinander und der Bezug der Menschen untereinander. Die gewachsenen Zäune zwischen den Häusern sind für mich signifikant für die neue Zeit. Zwar ist die Berliner Mauer weg, trotzdem kommen immer mehr kleine Mauern hinzu.

Beim Verein Lebenshilfe Dieburg, wo Sie Mitglied sind, sehen Sie die jüngste Jahreshauptversammlung als bezeichnend für das gegenseitige Desinteresse innerhalb der Gesellschaft. Warum?

Von 280 Mitgliedern waren acht anwesend, inklusive Vorstand und Hauptamtlichen. Das ist enttäuschend für eine gemeinsame Sache. Bei den Wahlen nahm ich das Amt des Rechnungsprüfers an. Nicht weil ich mich hier auskenne, sondern weil sonst keiner da war.

Sie leben seit 1975 in Eppertshausen. Was war ausschlaggebend, hierher zu kommen?

Mir waren eine Pfarrei und ein Ort wichtig, die überschaubar sind und in denen die Menschen sich kennen. Das trifft aber heute nur noch eingeschränkt zu. Ich kenne derzeit nur noch einen Bruchteil der Bürger. Das wird durch jene Mentalität begünstigt, dass man sich mehr und mehr hinter Zäunen versteckt.

Gab es schon mal Gedanken, Eppertshausen zu verlassen?

Ich bin jetzt 41 Jahre hier. Das ist eine Zeitspanne, die viele Ehen heute nicht überdauern. Mir ging es im Leben immer auch um eine Treue, die nicht abbricht. Der Begriff Treue besitzt in der Gegenwart einen geringen Stellenwert. Das zeigt sich an den Vereinswechseln von Fußballern genauso wie im Berufsleben: Wurde früher eine lange Zeit im Betrieb gelobt, ist das dieser Tage fast negativ. Man gilt als unflexibel, bequem und als jemand, der sich nicht weiterentwickelt hat.

Wie sieht Ihre Zukunft aus? Wollen Sie im Alter in Eppertshausen bleiben?

Ich habe nicht vor, den Ort zu verlassen. Im neuen Pfarrhaus gibt es für mich ein unbeschränktes Wohnrecht. Früher herrschte ja der Grundsatz, dass Pfarrer im Ruhestand nicht dort bleiben sollen, wo sie gewirkt haben. Der Wechsel erfolgte meist mit Blick auf den Nachfolger, dass dieser frei arbeiten kann. Da der ehemalige Mainzer Bischof Karl Lehmann sowohl in Mainz als auch im gleichen Haus wohnen bleibt, darf man diese Tradition ein wenig außer Kraft sehen.

Aufgrund des Priestermangels ist für Eppertshausen ohnehin kein Nachfolger für Sie in Sicht. Oder wie ist der Stand der Dinge?

Der Münsterer Pfarrer Bernhard Schüpke wird wohl in Zukunft, unter Beibehaltung seiner bisherigen Tätigkeit, Pfarrer für Münster und Eppertshausen werden.

Sie sind noch nicht in Rente. Mit 75 Jahren üben Sie Ihre Aufgaben als Pfarrer voll aus und halten sogar täglich Gottesdienste. Wie lange wollen und können Sie das noch machen?

Darüber habe ich mir noch keinen Kopf gemacht. Ich habe mein Engagement aber schon reduziert und viele meiner bisher rund 15 Ämter, etwa bei Kolping, abgegeben oder reduziert. Ich beschränke mich jetzt fast nur noch auf die Arbeit als Pfarrer. Bis in Mainz ein neuer Bischof Entscheidungen trifft, bleibt ohnehin alles unverändert. Wenn Pfarrer Schüpke mittelfristig übernimmt und mich um Unterstützung bittet, werde ich ihm gerne helfen. So dürfte sich die nächsten Jahre wenig ändern.

Beim Pfarrgartenfest stand die Tür zu ihrem Wohnhaus offen. War Ihnen vor allem wichtig, dass die Leute sehen, dass bei der Renovierung keine goldenen Wasserhähne verbaut wurden?

Für mich und auch meinen Bruder, der ebenfalls Pfarrer ist, stand der karitative Gedanke und die Nächstenliebe stets im Vordergrund. „Der Priester von heute und morgen wird ein Sozialarbeiter sein“ steht derzeit im Bistum ganz groß als Grunddisziplin über den Portalen. Das Sozialpastoral war für uns beide schon in der Vergangenheit wegweisend und daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern.

Quelle: op-online.de

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