Kolpingsfamilie Eppertshausen

Peter Löwenstein muss lange warten

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Die Podiumsdiskussion zur Landratswahl der Kolpingsfamilie Eppertshausen hat auch ihre Tücken. Manch einer nutzt sie zur Abgabe seiner eigenen Statements. Letztes Aufeinandertreffen vor der Wahl: Die Landrats-Kandidaten Klaus Peter Schellhaas, Peter Löwenstein, Dr. Werner Thomas und Christoph Zwickler in Eppertshausen. In der Mitte Moderator Jörn Müller.

Eppertshausen - Stets an einem Donnerstag vor der Wahl fühlt die Kolpingsfamilie Eppertshausen den jeweiligen Kandidaten in einer Podiumsdiskussion im kleinen Saal der Bürgerhalle auf den Zahn. Von Jens Dörr 

Nun setzte das Team um Moderator Jörn Müller die gute Tradition des politischen Diskurses fort und blieb dabei seinem löblichen Ansatz treu, dass mit Blick auf die Fragen insbesondere dem Publikum breiten Raum gegeben wird. Das offenbarte diesmal allerdings auch die ein oder andere Tücke. Zunächst hatten Amtsinhaber Klaus Peter Schellhaas (54, SPD, Modautal) sowie die Herausforderer Dr. Werner Thomas (61, aufgestellt von der CDU, Bürgermeister in Dieburg), Peter Löwenstein (56, Piratenpartei, selbstständiger IT-Berater, Münster-Altheim) und Christoph Zwickler (52, parteilos, Inhaber eines Schneeräumungs-Diensts, Mühltal-Trautheim) jeweils sechs Minuten Zeit für ein frei gestaltbares Kurzreferat.

Schellhaas nutzte dies zum klassischen Ritt durch die wichtigsten Landkreis-Themen seiner ersten Amtsperiode, die auch die zweite dominieren sollen. So habe man „trotz schwieriger Umstände“ den Kreishaushalt konsolidiert, was demnächst in eine ausgeglichene Finanzbilanz münden werde. „Und das, obwohl man bedenken muss, dass wir 2009 aus einer schweren Finanzkrise kamen“, erinnerte er an das erste Jahr seiner Arbeit in den Kreishäusern in Kranichstein und Dieburg. Ebenso nannte der Sozialdemokrat die Verkehrspolitik im Allgemeinen und den ÖPNV im Speziellen als Schwerpunkt, der ein Stückweit auch Chefsache sein solle. Das gelte weiterhin für die Integration von Flüchtlingen. „Internationalität kann in unserer Region auch ein Standortvorteil sein“, begriff er den derzeitigen und wohl auch künftigen Zuzug Vertriebener nicht nur als finanzielle, infrastrukturelle, kulturelle und gesellschaftliche Herausforderung, sondern auch als Chance für den Kreis.

360-Sekunden-Statement

Werner Thomas, der eingangs auf Müllers Frage nach der Anreise durch die Saal-Glasscheibe auf sein weißes Trekkingrad zeigte, wählte für sein 360-Sekunden-Statement einen anderen Ansatz, beschrieb die wissenschaftliche Leistung des Raumfahrt-Teams, das die Sonde Philae in einem Jahrzehntprojekt treffsicher auf den Kometen Tschuri gebracht hatte, und leitete daraus den Teamgedanken ab, der auch im Falle einer Wahl zum Landrat für die Arbeit im Kreis unabdingbar sei. „Das, was an Aufgaben auf uns zukommt, können wir nur erreichen, wenn wir zusammenarbeiten“, stellte Thomas heraus. Die von ihm benannten Aufgaben an sich deckten sich mit jenen Schellhaas’ – inklusive vieler Verbesserungsvorschläge, zum Beispiel der Attraktivitätssteigerung des ÖPNV, weil eine Nordostumgehung um Darmstadt herum zwar wünschenswert, aber unrealistisch sei, weil nicht in der Macht des Kreises liegend. Klare Kritik an der Verkehrspolitik des kreisfreien 150 000-Einwohner-Nachbarn äußerte Thomas nichtsdestotrotz: „Darmstadt wird seiner Verantwortung nicht gerecht.“

Peter Löwenstein lag es unterdessen am Herzen, mehrere seiner sozialen Engagements zu erwähnen, die in der öffentlichen Darstellung seiner Person bislang zu kurz gekommen seien. Er ging am präzisesten darauf ein, welche Rolle ein Landrat in der Gesamtheit von Kreistag, Ausschüssen, Kreisunternehmen und Kreisverwaltung einzunehmen vermag. „Wir brauchen in Zukunft die Moderation des Landrats“, sah Löwenstein hier offenkundig Versäumnisse Schellhaas’. Das gelte mit Blick auf die Integration von Flüchtlingen, aber auch bei der Schaffung von Transparenz in Themen, die unmittelbare Bedeutung für die Bewohner des Kreises hätten. Hier forderte Löwenstein, dass sich ein Landrat für quartalsweise Berichtspflichten zu Messwerten bei umweltrelevanten Themen – etwa der Wasserqualität der Gersprenz – einsetzen müsse.

Bürgermeister und Landräte aus der Region

Bürgermeister und Landräte aus der Region

Christoph Zwickler erläuterte, er trete auch an, „um bei der furchtbar niedrigen Wahlbeteiligung ein Angebot zu machen und inhaltlich mal einen Kontrapunkt zu setzen“. Das tue er beispielsweise mit seinem Plan einer „Odenwaldbahn 2.0“ ab der Roßdörfer Zahlwaldhalle bis nach Darmstadt, die sich wohl für zehn Millionen Euro realisieren lasse und eine Alternative parallel zum B 26-Stau bieten könne. Zwickler kritisierte besonders Schellhaas für die stetige Benennung der verbesserten Kreisfinanzen, der Schulsanierung und der Gesundheitsversorgung als Aufgaben und Erfolge: „Das wird als Wohltat angepriesen, obwohl es doch im Pflichtenheft eines Landkreises steht. Auch der gern genannte Ausbau des Breitbandnetzes gehört einfach zum Standard dazu.“

In der folgenden Fragerunde zeigten die ersten Wortmeldungen aus den Reihen der 100 Zuhörer, dass dieses Konzept der Kolpingsfamilie trotz klarer Ansage von Moderator Müller Risiken birgt. Der erste „Fragesteller“ nutzte die Gunst eher zu einem Statement über das tägliche Verkehrsproblem vor den östlichen Toren Darmstadts; der zweite missbrauchte die Gelegenheit zur Stellungnahme, dass „alte Ortskerne billig an Asylanten verkauft werden und wir als ältere Bürger unseren Ortskern verfallen sehen“; die dritte Person stammte aus den Reihen der Jungen Union und gab Ex-Schulleiter Thomas mit einer Frage zur Bildungspolitik eine prompt mit Applaus bedachte Steilvorlage.

Auch dank des beherzten Eingreifens Müllers und der wiederholten Bitte, sich doch auf Fragen zu ein bis zwei Kandidaten statt eigener Meinungsbekundungen zu beschränken, geriet die rund zweistündige Diskussion anschließend jedoch in geordnetere Bahnen. Etwas frustrierend verlief sie allerdings für Kandidat Löwenstein, der lange auf seinen Einsatz warten musste, nur einmal zum Thema Energiepolitik antworten durfte. In seinem Schlussstatement lehnte der Pirat das Angebot Müllers ab, ein paar Sätze mehr als seine Konkurrenten sagen zu dürfen. Er meinte, die Leute hörten Schellhaas und Thomas offenbar lieber zu.

Quelle: op-online.de

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