Südhessens Golgatha

So liefen die Passionsspiele in Eppertshausen

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Jesus, gespielt von Alexander Neiß, auf dem Weg zu seiner Leidensstätte.

Eppertshausen - Eine Stunde vor Beginn der Passionsspiele haben sich Werner und Karina Winkler einen Platz in der ersten Reihe gesichert. „Wir kommen aus Bad Schwalbach im Taunus. Um 10 Uhr sind wir losgefahren“, berichtet der 51-Jährige. Von Michael Just 

Aus dem Radio hat das Paar erfahren, dass sich Eppertshausen am Karfreitag in einen biblischen Schauplatz verwandelt. Wie die Winklers sagen, kommen ihre Vorfahren aus Schlesien. Dort sei man sehr katholisch, weshalb man sich alljährlich umschaue, wo es in der Gegend Aufführungen oder Prozessionen zum Osterfest gibt. „Vor drei Jahren waren wir das erste Mal in Eppertshausen dabei“, sagen sie.

In der alten Mehrzweckhalle bereiten sich die Laienspieler auf ihren Auftritt vor. Es gibt Häppchen, dazu macht ein Fotograf von jedem der 70 Darsteller Portraits. Auch Jesus, alias Alexander Neiß, ist darunter. Mit Sicherheitsnadeln sorgt der 42-Jährige noch für die Passgenauigkeit der Kleidung unter seinem Gewand. Zum zweiten Mal spielt der Privatdozent den Sohn Gottes, davor stellte er Petrus dar. Wer den praktizierenden Christen kennt, der weiß, dass seine Teilnahme am Spiel für ihn mehr als nur eine Rolle darstellt. Groß einzustellen braucht sich der ehemalige Messdiener, der auch Kommunion- und Firmstunden gibt, auf den Mann aus Nazareth nicht: „Wer die Gottesdienste besucht, kann die Geschichte Jesu das ganze Jahr verfolgen“, sagt er. Nur bei seinen langen Haaren half ein lokaler Friseur mit Haarverlängerungen nach.

Als um 12 Uhr die Aufführung bei strahlendem Sonnenschein beginnt, haben sich rund 1 800 Besucher versammelt. Der feierliche Einzug der Teilnehmer auf den Franz-Gruber-Platz, darunter auch der der fünf Chöre, ist mit 250 Personen bereits überwältigend: Er scheint gar kein Ende nehmen zu wollen. Ganz zum Schluss kommt Jesus, begleitet von einem Esel. Auch der Vierbeiner ist im teuren Versicherungspaket drin, das der Verein Passionsspiele für einen Rundumschutz abschloss. Dabei wollten die Versicherungsvertreter ganz genau wissen, ob das Tier für Schotter, Gras oder Sand behuft ist, ob es bei den Spielen auf Asphalt läuft und ob es eingeritten wurde. Gleich zu Beginn der Aufführung wird die Tempelreinigung dargestellt, in der Jesus die Tische der Geldwechsler und Taubenhändler umwirft. Dabei steigen die weißen Tauben des Eppertshäuser Züchters Hans-Peter Huther in die Luft. Die Hühner von Ernst Seipel, die daneben stehen, bleiben unberührt. Es folgt der Verrat des Judas, das letzte Abendmahl und die Gefangennahme. Ausführlich wird dargestellt, wie der Hohe Rat den Tod Jesu forciert und Herodes (Gebhard Müller) und Pilatus (Willi Trux) keinen Anteil an dessen Schicksal haben wollen. Bei den Verhöhnungen Jesu leiden einige Zuschauer auf der Tribüne mit. Sie falten ergriffen die Hände, als wollten sie um Beistand für den Mann mit den Handfesseln bitten.

„Er ist der Bösewicht, der er eigentlich gar nicht sein will. Erst als man ihm unterstellt, dass er durch seine Fürsprache für den Gefangenen kein Freund des Kaisers darstellt, entscheidet er sich gegen Jesu“, erklärt Willi Trux zu seiner Rolle als Pilatus. Für die Kreuzigung ziehen Darsteller und Besucher erneut auf einen nahen Spielplatz, wo sich ein kleiner, grasbewachsener Hügel emporhebt. Auf dem südhessischen Golgatha hängen die beiden anderen Verurteilten (Marius Kühnscherf und Moritz Unterleider) bereits am Kreuz. Als der Soldat Jesus einen mit Essig getränkten Schwamm zum Trinken gibt, ist trotz der großen Anzahl von Menschen kein Laut zu hören.

Passionsspiel in Eppertshausen: Bilder

Passionsspiel in Eppertshausen

Eine Gänsehaut überkommt viele, als Maria sowie Maria Magdalena (Sonja Huhle und Jasmin Scharf) mit ihren Rufen den toten Jesus am Kreuz beklagen und Sänger Hans Müller sein Solo „Wo warst du?“ anstimmt. Über dem Spielplatz liegt in diesem Moment eine Stimmung, die viele Besucher später als „unvergesslich“ beschreiben. Auch mit der jüngsten Neuauflage schaffte der Verein Passionsspiele eine beeindruckende Darstellung des Leidens Christi. Die zweistündige Aufführung kam kurzweilig und glaubwürdig daher, alle Szenen blieben ohne Kitsch und Schnörkel. Mit viel Begeisterung erweckten die Laien-Schauspieler die Erzählungen der Evangelisten zum Leben. Die Farben der wunderbaren Kostüme, von Pastell bis kräftig, leuchteten unter der Frühjahrssonne und waren das i-Tüpfelchen.

Einige Besucher litten bei der Aufführung auf der Tribüne mit.

In Eppertshausen gab es unter Pfarrer Winter in den 1930er Jahren schon einmal Passionsspiele, die den Nazis ein Dorn im Auge waren. Seit der Fortführung 2006 hat Regisseurin Gisela Belzer mit den Vorstandskollegen ihr Projekt stetig weiterentwickelt, so dass sich die jüngste Auflage als äußerst professionell und ausgereift präsentierte. Dazu trugen als Novum die erhöhten Tribünen (vorher gab es nur Bänke), die Rüstungen der römischen Soldaten oder der in Groß-Umstadt bestellte „Passionswein“ bei. Wie es sich für eine gute Regisseurin gehört, ist Gisela Belzer trotzdem nicht 100 Prozent zufrieden. „Die Kulissen – da lässt sich noch was verbessern!“, kündigt sie für 2018 an.

Quelle: op-online.de

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