Widersprüche zum Missbrauch der Stieftochter

Opfer verweigert die Aussage

Eppertshausen/Dieburg - Sexueller Missbrauch hat seit der Publikmachung des Skandals an der Odenwaldschule endgültig die Tabuzone verlassen. Opfer werden ernst genommen. Doch trotz alldem ist die Dunkelziffer enorm hoch. Von Silke Gelhausen-Schüßler 

Nur vereinzelt sind die traumatisierten Opfer zu einer Anzeige bereit, und noch seltener kommt es aufgrund der schwierigen Beweislage zu Verurteilungen. Auch der Fall des Eppertshäuser Michael R., der seit gestern am Landgericht verhandelt wird, könnte ausgehen wie das Hornberger Schießen. Der 52-Jährige soll von 2004 bis Mitte 2007 seine damals zehn bis 13 Jahre alte Stieftochter in sieben Fällen unsittlich berührt und zu sexuellen Handlungen genötigt haben. Er bewohnte damals mit der Mutter und der Schwester des Mädchens ein Anwesen in Dieburg. Inzwischen ist das Paar geschieden.

Der gelernte Bäcker ist der Justiz nicht unbekannt: Bereits 2011 wurde er wegen ähnlicher Vorwürfe zu zehn Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Trotz der Verurteilung hat der Vorsitzende Richter Sven Onneken ein Problem: Sowohl Mutter als auch die inzwischen 20-jährige Stieftochter machen als Angehörige des Beschuldigten von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch. Beide Zeuginnen erschienen erst gar nicht im Gerichtsgebäude, sondern erklärten kurz vor Prozessbeginn per Fax ihre Aussageverweigerung. Damit bleibt es der Kammer nun verwehrt, sich ein persönliches Bild über die Glaubwürdigkeit speziell des mutmaßlichen Opfers zu machen.

Die Kammer muss nun die polizeilichen Vernehmungsprotokolle in den Prozess einführen. Die jedoch sollen einige Widersprüche, speziell zum Fall eines versuchten Geschlechtsverkehrs, aufweisen – im Zeugenstand hätten diese Ungereimtheiten vielleicht ausgeräumt werden können. Nun steht eine wenig brauchbare schriftliche Aussage gegen die gegenteilige Aussage des Angeklagten. „Fall eins bis sechs ist schlichtweg falsch,“ so die Erklärung Michael R.s über seinen Verteidiger, „lediglich Fall sieben ist passiert, allerdings anders, als die Tochter es schildert. R. hat ihr damals von hinten in die vorderen Hosentaschen gefasst, um vor der Familie zu demonstrieren, dass sie der Oma kein Geld gestohlen hatte. Es gab nie sexuellen Kontakt zwischen meinem Mandanten und der Stieftochter.“ Nächste Woche wird entschieden, ob das Verfahren eingestellt wird.

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Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © dpa

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