Renaissance des ungeliebten Jobs

Mit dem Nachtwächter durch Eppertshausens Gassen

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In Eppertshausen stand nach langer Zeit wieder ein Nachtwächterrundgang an. Auf dem historischen Weg wurden aber nicht wie früher die Häuser beschützt, sondern über die Geschichte des Ortes berichtet.

Eppertshausen - Erstmals wurde ein historischer Nachtwächterrundgang im Ort angeboten. Norbert Anton ließ vor vielen Teilnehmern wissenswerte Geschichte lebendig werden. Von Michael Just 

In der Schulstraße mutiert ein altes Haus zum unansehnlichen Schandfleck. Die Wände platzen auf, dass seit Jahren unbewohnte Anwesen verfällt. Dabei hat es eine geschichtsträchtige Bedeutung: An dieser Stelle befand sich einst die Gaststätte „Grüner Baum“, in der die Kerb unter riesigem Zuspruch gefeiert wurde. „Bei der Fußballweltmeisterschaft 1954 stand hier sogar der erste Fernseher im Ort. Die Straße war damals voll mit begeisterten Bürgern. Da in der Gaststätte schon alles besetzt war, verfolgten viele die Spiele von draußen durchs Fenster“, weiß Norbert Anton.

Jetzt machte der 61-Jährige Geschichte und Geschichten wieder lebendig. Mit einem Dreispitz auf dem Kopf sowie einer Hellebarde und einer Laterne in der Hand, läutete er eine Premiere an: Zum ersten Mal gab es einen historisch geprägten Nachtwächter-Rundgang im Ort. Eigentlich kennt man solche Führungen nur aus Dieburg, Seligenstadt und anderen geschichtsträchtigen Städten mit sakraler Bauarchitektur. Über die verfügt Eppertshausen zwar nicht, trotzdem sieht der ehemalige Medienberater für eine solche Veranstaltung genug Potenzial und Erzählenswertes, was er mit dem Charakter der Bewohner begründet: „In der Vergangenheit war Eppertshausen lange Zeit ein bitterarmer Ort. Trotzdem haben es die Menschen mit ihrer besonderen Art immer wieder geschafft, sich über Wasser zu halten.“

Als waschechter Eppertshäuser war es Anton schon seit längerer Zeit ein Anliegen, Wissenswertes zur Historie an Alt- und Neubürger weiterzugeben. Da es keinen Heimat- und Geschichtsverein gibt, sah er sich neben der Idee auch in der Umsetzung gefordert. Durch die langwierige Sanierung der Schulstraße musste er sein Vorhaben mehrfach aufschieben. Die Resonanz auf sein Unterfangen ist höchst beachtlich: Für die vier geplanten Rundgänge sind bereits alle Karten vergriffen. Damit die Gruppen nicht zu groß werden, fand eine Begrenzung auf 30 Personen statt.

Ganz aus der Luft gegriffen war die Idee zum Nachtwächterrundgang schon deshalb nicht, da Eppertshausen früher selbst über einen Wächter verfügte, der des nachts die Ordnung kontrollierte. Die Aufgabe war wie überall nicht sonderlich angesehen und der Ruf des Wächters mit dem des Henkers oder Abdeckers vergleichbar. Gab es eine Stadtmauer, mussten die Ausübenden solcher Berufe vor den Toren der Stadt leben. Dieses Schicksal ereilte in Eppertshausen aber in Ermangelung einer Mauer niemanden. „Trotz seines niedrigen Ansehens bekam der Nachtwächter aber eine relativ gute Besoldung“, erklärte Anton. Dafür war er in Personalunion auch noch Gänsehirt, Feldschütz und für das Entzünden der Gaslampen zuständig. Die Ära der nächtlichen Aufpasser endete im Ort vor 83 Jahren: Damals entschied sich der Gemeinderat per Beschluss, den Nachtwächter-Job abzuschaffen. Die Entscheidung fiel mit 4:3 Stimmen denkbar knapp.

Bilder: Kerb in Eppertshausen

Der rund 90-minütige Rundweg startete am TAV-Heim und führte dann in den ältesten Teil des Ortes mit der Hütten-, Schul- und der Friedhofstraße. Wie sich zeigte, gingen dem Mann mit der altertümlichen Stichwaffe in der Hand die Themen nicht aus. Da wurden die einst für den Ort typischen Ziegelbrennereien thematisiert, an anderer Stelle rückten Eppertshäuser Originale, darunter August Murmann oder August Tüncher, in den Mittelpunkt. Weiteren Stoff für Erklärungen lieferten Traditionsgeschäfte, darunter Friseure oder Schuhmacher. Selbst die Eppertshäuser Friedhöfe spielten eine Rolle, da sie immer wieder verlagert wurden. So fungierte der Boden unter der Kirche von St. Sebastian früher als Begräbnisstätte, die dann mit dem Gotteshaus überbaut wurde. Auch unter dem Spielplatz an der Friedhofstraße ruhen Gebeine. Ein Hauch von Geschichte wehte bei der Valentinus-Kapelle. Mit ihrer Errichtung um 1440 ist sie das älteste Bauwerk im Ort. Angeblich soll sie als Sühneleistung von einem Dieburger Adligen errichtet worden sein, als dort bei einem Jagdunfall ein Todesfall zu beklagen war.

Der Rundgang endete schließlich in der Gaststätte „Valentins“, wo es zum Führungspreis von 15 Euro noch einen geselligen und deftigen Abschluss-Schmaus mit Rippchen oder Hausmacher Wurst gab. Hier ließ sich auch nochmal über das zuvor Gehörte sinnieren, das nicht selten Verwunderliches enthielt: So verfügt ein Haus in der Schulstraße, das einst die Volksbank beherbergte, noch immer über den alten Tresor der Bänker in der Wand. Das Monstrum ist so groß, dass sich die nachfolgenden Bewohner noch nicht an den Ausbau wagten. Die Vermutung, dass darin größere Geldsummen vergessen wurden, dürfte aber nicht zutreffen.

Quelle: op-online.de

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