Prozess um sexuellen Missbrauch

Freispruch! Stieftochter sagt nicht aus

Eppertshausen/Darmstadt - Ein ungewöhnlicher Fall für die Justiz – und ein Schlag ins Gesicht für alle Opfer sexuellen Missbrauchs: Von Silke Gelhausen-Schüßler 

Zum zweiten Mal musste sich der Eppertshäuser Michael R. wegen mehrfacher sexueller Übergriffe an seiner Stieftochter vor dem Landgericht in Darmstadt verantworten. Und zum zweiten Mal wurde er nun freigesprochen. Diesen Fakt konnten weder acht Zeugenaussagen, noch ein positives Glaubwürdigkeitsgutachten verhindern. Die Gründe dafür sind sich im aktuellen Verfahren wie in dem 2011 ähnlich und lassen sich nur verstehen, wenn man mit juristischen Feinheiten vertraut ist. Ob die Entscheidung der zweiten Strafkammer für das inzwischen 20-jährige Opfer gerecht ist, steht nicht zur Debatte – für den Täter gilt die Unschuldsvermutung, und ein Urteil sollte revisionsfest sein.

Knackpunkt im aktuellen Verfahren ist die Aussageverweigerung der jungen Frau vor Gericht. Für den Vorsitzenden Richter Sven Onneken fehlen damit wichtige Aspekte, um Glaubhaftigkeit und Details ihrer Taterzählungen bei der Polizei und bei verschiedenen Psychologinnen zu untermauern und sich ein individuelles Bild von der Zeugin zu machen. Diesen Schilderungen zufolge soll R. das damals zehn- bis 13-jährige Mädchen von 2004 bis 2007 regelmäßig unsittlich berührt und zu sexuellen Handlungen gedrängt haben. Der gelernte Bäcker bewohnte damals mit der inzwischen von ihm geschiedenen Mutter des Mädchens und deren Schwester ein Anwesen in Dieburg. Dort soll der 52-Jährige ein- bis zweimal wöchentlich die regelmäßige Abwesenheit der Mutter am frühen Morgen – sie arbeitete als Zeitungszustellerin – genutzt haben, um das Zimmer der Stieftochter aufzusuchen.

„Ich bin immer von dem Geräusch wach geworden, wenn er das Hundegitter an der Treppe geöffnet hat“, soll das Mädchen im Gespräch mit Rosemarie Bentheim-Prill geäußert haben. Die forensische Psychologin aus Wiesbaden war mit der Erstellung des Glaubwürdigkeitgutachten betraut. Darin heißt es weiter: „Seine Besuche haben immer so 15 bis 20 Minuten gedauert. Er setzte oder legte sich neben mich und fing an, mich über und unter der Kleidung zu streicheln, auch an den Geschlechtsteilen. Wenn ich mich wegdreht habe, hat er mich zurück gedreht. Später hat er auch mal einen Finger in meine Scheide gesteckt.“

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Die letzte Behauptung war Anklagepunkt im ersten Prozess 2011 und konnte letztendlich nicht bewiesen werden. Damals erschien das Mädchen vor Gericht zwar glaubhaft, war sich in diesem Punkt aber unsicher und widersprüchlich, was zum Freispruch führte. Auch habe er versucht, mit dem Penis in sie einzudringen, was aber ein Zusammenpressen ihrer Beine erfolgreich verhindert habe. Nicht verhindern konnte sie wohl, dass er ihr Handgelenk packte und mit ihrer Hand sein Glied massierte. „Danach habe ich meistens das Radio angeschaltet, weil ich nicht wieder einschlafen konnte.“ so die niedergeschriebenen Worte des Mädchens.

Der gesamte Vortrag der Psychologin nahm am dritten und letzten Verhandlungstag zwei volle Stunden in Anspruch, eine weitere Stunde dauerte die Beantwortung der zahlreichen Fragen durch Kammer, Nebenklage und Verteidigung. Bentheim-Prill kommt zu folgendem Ergebnis: „Die Erinnerungen der Klientin haben eine hohe Aussagequalität und sind mit großer Wahrscheinlichkeit nicht erfunden!“

Das belegte sie mit unzähligen Aspekten. Hier eine Auswahl: Das gute Verhältnis zum Stiefvater schließt Belastungseifer aus; es gibt keinerlei Hinweise auf Geltungsstreben oder Lügengeschichten im Alltag; die Häufigkeit der Übergriffe und deren langer Zeitraum; der gute Detaillierungsgrad und die Erinnerung an Nebensächlichkeiten, nicht zuletzt deliktspezifische Aussagen wie: „Sie habe sich immer schlafend gestellt“. Das sei das Letzte, was sich ein Lügner ausdenkt, so die Sachverständige. Für eine Verurteilung hat das ausführliche Gutachten allein jedoch nicht gereicht – ansonsten hätte R. eine Gefängnisstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren gedroht.

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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