Schicksal der jüdischen Familie Reis in Eppertshausen

Stolpern über Flucht vor dem Grauen

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Künstler Gunter Demnig beim Pflastern seiner mittlerweile berühmten Stolpersteine an der Ecke Hauptstraße/Friedhofstraße. Er wird nach Fertigsanierung der Schulstraße noch einiges zu tun bekommen.

Eppertshausen - Antje Pfau ließ im Juni 2013 die ersten Stolpersteine zum Gedenken an die jüdischen Mitbürger Eppertshausens von Künstler Gunter Demnig verlegen. Ihr Beispiel machte Schule, es gründete sich eine Initiative. Von Thomas Meier 

Jetzt kam der Stolperstein- Verleger zum zweiten Male in den Ort. Es wird nicht sein letzter Besuch sein. Eigentlich sollten nach der Hauptstraßen-Aktion jetzt Stolpersteine in der Schulstraße verlegt werden, in der einst zahlreiche jüdischen Familien beheimatet waren und wo auch die Synagoge stand. Doch ahnte keiner, wie lange die Sanierung des kurzen, aber maroden Straßenzuges dauern wird. Damit aber die erste Stolperstein-Verlegung von 2013 und das damit einhergehende Bekenntnis, mehr für die Erinnerung an Deportation und Vernichtung zu tun, nicht in Vergessenheit gerät, setzte man kurzerhand ein erneutes Zeichen in der Hauptstraße, Ecke Schulstraße 13. Dort, wo heute das Anwesen Friedhofstraße Nr. 29 steht, lebte einst die Familie Reis. Das Eckgrundstück gehörte mal zur Adolf-Hitler-, mal zur Haupt- und nun eben zur Friedhofstraße.

Was Antje Pfau, unterstützt von ihrem Mann Martin Hug, ihrer Familie und einer Handvoll Mitstreiter aus Freunden und Bekannten 2013 initiierte, war beispielhaft. Schon bei der ersten Stolpersteinverlegung gründete sich eine Initiative mit dem Ziel, weitere Gedenk-Stolpersteine dort setzen zu lassen, wo nachweislich jüdische Mitbürger wohnten. Und da haben die Mitglieder eine Menge auf sich geladen. Nachlesen können sie dies in den Schriften des Heimathistorikers Karl J. Müller aus Münster, der in seiner Broschüre „Damit wir sie nicht vergessen“ bereits Mitte der 1980er Jahre an das Schicksal der jüdischen Bürger Eppertshausens erinnerte. Dieses Büchlein, längst vergriffen, legte die Initiative zwischenzeitlich neu auf, es ist für fünf Euro beim engagierten Mitstreiter Bruno Ries im Uhrenschmuckbetrieb gleichen Namens, Bahnhofstraße 4, zu bekommen. Ries steht voll und ganz hinter der Aktion, hat er doch mit seiner mittlerweile 92-jährigen Mutter Anna noch eine geistig überaus rüstige Zeitzeugin in der Familie, die viele Erinnerungen an die jüdischen Mitbürger beizusteuern weiß.

Die drei vor großem Publikum am Mittwochnachmittag verlegten Steine gelten drei Mitgliedern der Familie Reis, denen die Flucht in die Vereinigten Staaten von Amerika gelang. Über sie schreibt Müller: „Josef Reis betrieb mit seinem Bruder Moritz einen Viehhandel und war auch Schächter der Eppertshäuser Juden. Josef Reis, der am 4. Juli 1872 in Eppertshausen geboren war, hatte Emma Kahn, verwitwete Rothschild, die Witwe von Wolf Rothschild (Jeisel) geheiratet. Die Familie hatte zwei Kinder: Henni Rothschild, die von ihrer Mutter in die Ehe mitgebracht wurde und die mit Julius Strauß aus Dieburg verheiratet war – die beiden sollen ausgewandert sein –, und Leo Reis, der am 23. September 1912 geboren war. Leo Reis konnte am 3. Mai 1937 noch vor der Judenverfolgung nach Amerika auswandern, während seine Eltern auch die Demütigungen und die Schrecken der Kristallnacht über sich ergehen lassen mussten.“

Auch bei ihnen habe die Eppertshäuser SA sinnlos gewütet und die gesamte Inneneinrichtung des Hauses samt Möbel und Geschirr zerschlagen, weiß Müller zu berichten: „Als am Morgen nach diesen Nazi-Untaten ein Bürger aus Eppertshausen im Haus gegenüber seiner Arbeit nachging, stand Josef Reis vor seinem Haus und weinte.“ Im Dezember 1937 zogen Reis’ nach Frankfurt, um dann in die USA auszuwandern. Am 16. Dezember 1941 starb Josef Reis im Alter von 69 Jahren in New York. Seine Frau Emma überlebte ihn noch drei Jahre, über den Verbleib von Leo Reis ist nichts bekannt.

Bürgermeister Carsten Helfmann und Eppertshausens Vorsitzender der Gemeindevertretung, Rainer Eder, lobten die engagierten Initiativler dafür, auch die dunklen Seiten der Geschichte ihres Wohnortes wach zu halten. Und sie bekräftigten ihre Haltung, die sie bereits 2013 äußerten: „Es gibt noch viele Häuser, vor denen solche Stolpersteine liegen sollten.“ Nun, für 13 weitere, die einmal in der dann hoffentlich fertig sanierten Schulstraße verlegt werden sollen, hat die Initiative das Geld fast beisammen. Gunter Demnig, der in Berlin geborene und bei Köln lebende Künstler, der in 14 Ländern Europas bereits knapp 50.000 Stolpersteine verlegte, wird also nicht arbeits- und brotlos. Rund 120 Euro kostet übrigens einer seiner Mahnsteine mit polierter Messingplatte.

Quelle: op-online.de

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