Szene-Regisseur Roger Murmann

Tausend Universen im Keller

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Roger Murmann ist ein Regisseur der lokalen Science-Fiction-Szene.

Eppertshausen - „Ich bin ein Fan-Pionier. Mir ist die Szene wichtig. “ Roger Murmanns Blick schweift durch die Wohnung. Über der Sofalehne hängt ein Darmstadt-98-Schal. An der Dachschräge kleben zwei Poster: Terminator und Doctor Who. Von Eva-Maria Lill 

Ein großer Fernseher, ein kleines Regal. Zwischen Perry-Rhodan-Büchern stehen Harry-Potter-Bände. Ganz oben eine handvoll Plastikfiguren. Science Fiction, Star Trek, Star Wars. Roger Murmann ist nicht nur Fan, sondern auch Szene-Regisseur. Es gibt kaum eine große Veranstaltung in Hessen, auf der er nicht die Fäden zieht: Dreieichcon, Buchmesse Convent – aber auch die Wetzcon in der Phantastischen Bibliothek Wetzlar. Mehr als tausend leidenschaftliche Anhänger kommen zu diesen Messen, einige Veranstaltungen sind weit jenseits der deutschen Grenzen bekannt.

Über die Fernsehserie „Star Trek: Raumschiff Enterprise“ findet der 47-Jährige früh den Zugang zur wissenschaftlich-fantastischen Wunderwelt. Das All fasziniert ihn. Damals, als das Internet noch nicht geboren ist, damals, als Gleichgesinnte nicht per Mausklick, sondern bloß per Brief, Telefon und Fan-Magazin erreichbar waren. Ein einsames Hobby. Zumal Roger Murmann schon seit seiner Geburt in Eppertshausen lebt. Nicht das Zentrum des Universums für einen Science-Fiction-Fan, aber genug Heimat für den gelernten Verlagskaufmann.

Außenseiter in der Jugend

„Als Jugendlicher war ich Außenseiter“, gibt Murmann zu. In den Neunzigern entdeckt er den Science Fiction Club Deutschland (SFCD). „Plötzlich war ich nicht mehr allein, ich habe gemerkt, wie viele andere es da draußen gibt.“ Er nimmt an ein paar Veranstaltungen teil, 1994 beschließt er, selbst einen Stammtisch zu organisieren. Über Mund-zu-Mund-Propaganda erreicht sein Aufruf unzählige Gleichgesinnte. Beim ersten Science Fiction Treff Darmstadt an der Hügelstraße kommen mehr als 100 Interessierte. Die Kneipe ist so voll, dass es nicht genug Plätze gibt.

Noch immer trifft sich der Stammtisch einmal im Monat. Er kooperiert bisweilen mit der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) in Darmstadt, „Sogar jemand wie Thomas Reiter bekommt leuchtende Augen, wenn man mit ihm über Science Fiction spricht“, weiß Murmann. Neue Fans sind beim Stammtisch in der Gaststätte der TuS Griesheim willkommen, der Altersdurchschnitt liegt bei etwa 45 Jahren. „Wir sehen ganz normal aus. Keiner erscheint im Kostüm. Man muss schon ganz genau hinhören, um unsere Themen zu erraten“, erklärt Murmann.

Für Außenstehende sei es ohnehin schwer, einen Eindruck über die Science-Fiction- und Fantasy-Szene zu gewinnen. „Das Internet hat viel verändert. Wir sind größer geworden, vernetzter. Zu uns kommen Fans von Star Trek ebenso wie Tolkien-Anhänger, Comic-Begeisterte oder Horror-Liebhaber." Auch er selbst mag sich nicht festlegen, schätzt Weltraumabenteuer ebenso wie Fantasy-Schlachten. „Science Fiction hat es heute nicht leicht. Das Faszinierende ist die Spekulation. Schwierig, in einer Zeit, in der technischer Fortschritt oft schneller ist als die Vorstellungskraft.“

„Big Bang Theory“ sorgt für mehr Verständnis

Fans werden immer noch belächelt. Hinsichtlich der Akzeptanz hat sich in den vergangenen Jahren jedoch einiges getan. Grund dafür: der amerikanischen Serienhit „The Big Bang Theory“. „Durch den Erfolg im Fernsehen sind Nerds plötzlich kultig. Ich erinnere mich, wie ich im Sommer durch Groß-Zimmern gelaufen bin und im Schaufenster eines Optikers das Schild entdeckte ,Hier gibt’s Nerd-Brillen’. Ach, habe ich gedacht, endlich sind wir in der Mitte der Gesellschaft angekommen.“

Mittlerweile ist der Eppertshäuser zweiter Vorsitzender des SFCD. Sein „Baby“ ist aber der Buchmesse Convent. Eine Veranstaltung im Bürgerhaus Dreieich-Sprendlingen, die in diesem Jahr ihr 30-jähriges Bestehen feiert. Sie findet parallel zur Buchmesse in Frankfurt statt und hat sich auf Kleinverlage aus der Science-Fiction-, Fantasy- und Horrorszene spezialisiert. Es kommen nicht nur Hobby-Autoren und Fans, sondern auch Genregrößen wie die Autoren Wolfgang Hohlbein oder Markus Heitz. Außerdem wird der Deutsche Phantastikpreis verliehen – eine Auszeichnung, über die Fans im Internet abstimmen. Murmann sitzt seit 20 Jahren in der Organisation, plant das Programm und entscheidet über eingeladene Verlage und Autoren. Auch auf dem viertgrößten Rollenspieltreffen Deutschlands, der Dreieichcon, ist er dabei. „Ich selbst mache zwar nicht aktiv mit, aber man kennt sich. Rollenspieler lesen viel. Das verbindet.“

Sortiment an Fan-Artikeln

Lesen. Ein Thema, über das Murmann leicht ins Schwärmen gerät: „Jedes Buch ist ein Universum“. Mit einem leisen Lächeln führt er in den Keller, öffnet die Tür zu einem großen Raum. Dort bewahrt er sein Sortiment an Fan-Artikeln auf. Er verkauft sie über das Internet oder bietet sie auf Conventions an. Ein Nerd-Paradies. Stapelweise T-Shirts, ein paar Motiv-Tassen. Daneben: vier meterlange Regale mit Taschenbüchern, Heftromanen, Comic-Boxen. Versteckt in der Ecke ein abgewetzter Sessel. Zum Schmökern, zum Alleinsein. „Fantasy? Natürlich ist das immer auch ein bisschen Weltflucht“, seufzt Murmann. Weltflucht, geradewegs hinein in tausend Universen.

Quelle: op-online.de

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