Fotografischer Schatz für die Sammlung

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Kinder auf dem Römerberg sammeln sich am 1. Mai 1932 unter der Schrifttafel: „Kinder!! kommt zu uns“. Silbergelatineabzug auf Barytpapier

Frankfurt - Ihre Farbporträts von Schrifstellern und Denkern wie James Joyce, Jean Cocteau, André Gide, André Malraux oder Virginia Woolf sind fotografische Ikonen des 20. Jahrhunderts und begründeten den weltweiten Ruhm der Fotografin Gisèle Freund (1908 - 2000). Von Christian Riethmüller

Weil ihr Werk zum großen Teil von Paris aus entstand und vielleicht auch wegen ihres Vornamens, ist fast in Vergessenheit geraten, dass Freund aus einer jüdischen Familie in Berlin stammte und auch einige Jahre in Frankfurt gelebt hatte, bevor sie sich nach der Machtübernahme der Nazis im Frühjahr 1933 zur Emigration entschied. Da war Gisèle Freund noch Studentin an der Goethe-Universität, wo sie seit 1930 bei Karl Mannheim Soziologie studierte und am Institut für Sozialforschung auch an Seminaren von Max Horkheimer teilnahm.

Zu dieser Zeit hatte sie bereits mit der Fotografie angefangen, der sie sich nicht nur praktisch mit einer vom Vater geschenkten Leica M-1 widmete. Auch theoretisch setzte sie sich mit dem Medium auseinander und begann in Frankfurt eine Doktorarbeit zu den Anfängen der Fotografie in Frankreich, die sie aber erst einige Jahre später an der Sorbonne in Paris beenden sollte. Schon in Frankreich begann sie gleichfalls als Fotojournalistin zu arbeiten. Ihre erste bedeutende Reportage erschien 1935 in der Wochenzeitschrift „Weekly Illustrated“, ein Jahr darauf als Nachdruck in der heute legendären Zeitschrift „Life“ - und eine Karriere nahm ihren Lauf.

Gisèle Freund hatte sich allerdings schon einige Zeit vorher im Genre Bildreportage ausprobiert, wie nun ein kleiner fotografischer Schatz offenbart, als dessen Besitzer sich seit vergangenen Sonntag das Historische Museum Frankfurt fühlen darf. Das Frankfurter Sammlerehepaar Margarethe und Martin Murtfeld hat dem Museum ein Konvolut mit 51 Originalabzügen von frühen Fotografien Freunds geschenkt, die diese am 1. Mai 1932 bei der Maikundgebung in der Frankfurter Innenstadt aufgenommen hatte. Freund, damals selbst als Mitglied der „Roten Studentengruppe“ politisch aktiv, begleitete an jenem Maitag die politischen Gruppierungen der Arbeiterbewegung bei ihrer Demonstration gegen die Reichsregierung und den immer größer werdenden Einfluss der Nazis.

Vor der Universität, auf dem Opernplatz und auf dem Römerberg gelangen Freund Momentaufnahmen, die auf beeindruckende Weise Stimmung und Emotionen dieser Veranstaltung einfangen, die die letzte freie Maikundgebung vor der NS-Zeit sein sollte. Die Fotos zeigen nicht nur Freunds Begabung als Reportagefotografin, sondern sind auch ein historisches Zeugnis ersten Ranges. Freund war ihren Memoiren zufolge nämlich die einzige (professionelle) Fotografin bei diesem Ereignis.

Sie selbst hat der Schwarz-Weiß-Fotoserie lange Zeit gar keine Bedeutung zugemessen und über ihr Archiv wohl auch nur einzelne Bilder angeboten. So stieß auch Margarethe Murtfeld auf die Aufnahmen, als sie 1993 im Schweizer Kulturmagazin „Du“ drei Fotos der Serie entdeckte. In Paris, wo sie und ihr Mann zu jener Zeit aus beruflichen Gründen lebten, kontaktierte sie Gisèle Freund und konnte diese überzeugen, die Frankfurt-Serie vom Negativ abziehen zu lassen, um sie in Frankfurt auszustellen. Dort waren die Arbeiten erstmals 1995 im Museum für Moderne Kunst zu sehen. Einen Satz der Silbergelatineabzüge auf Barytpapier schenkte Freund dem Ehepaar Murtfeld, das ihn nun dem Historischen Museum für dessen bedeutende, rund 290 000 Arbeiten umfassende Fotografiensammlung übergeben hat, die nach den Worten von Museumsdirektor Jan Gerchow „die Basis des Bildgedächtnisses Frankfurts“ ist.

Quelle: op-online.de

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