Fotos von Yves Marchand und Romain Meffre

Opernhäuser der kleinen Leute

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Glamouröse Garage: State Theatre, West-Orange, New Jersey, 2009

Frankfurt - Ab heute ist im Frankfurter Filmmuseum die Ausstellung „Filmtheater - Kinofotografien von Yves Marchand und Romain Meffre“ zu sehen. Von Thomas Ungeheuer

1930, also gut drei Jahrzehnte nach der Erfindung des Kinos, wies eine Statistik 90 Millionen Kinogänger pro Woche in Amerikas Filmtheatern aus. Dabei lag die damalige Bevölkerungszahl „nur“ bei rund 123 Millionen. Im ganzen Land waren seit der Jahrhundertwende tausende Lichtspielhäuser gebaut worden. Nicht wenige von ihnen boten über 4 000 Menschen Platz. Die Filmtheater glichen Palästen, die erschwinglichen Luxus boten. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs sollten sie sogar noch größeren Zulauf bekommen. Mit der Erfindung des Fernsehens war jedoch die Blütezeit der „Oper für die kleinen Leute“ vorbei. Letztlich besaßen 1957 schon 90 Prozent aller amerikanischen Haushalte ein TV-Gerät. So setzte das große Kinosterben ein.

Monumentale Muckibude: Alhambra Theatre, San Francisco, Kalifornien

Seit 2005 erforschen die jungen Pariser Fotografen Yves Marchand und Romain Meffre alte Kinopaläste in Amerika. Sie besuchen die einst opulent ausgestatteten Monumentalbauten. Heute stehen viele leer. Über Jahrzehnte hinweg ist hier Architektur des Historismus zu Ruinen geworden. Sicher, der ein oder andere Prachtbau wird noch genutzt: als Supermarkt, Busgarage, Fitness-Studio oder Basketballhalle. Aber die meisten Filmpaläste, die Marchand und Meffre als „fotografische Archäologen“ vorfanden, verfallen. Auf dreißig großformatigen Fotografien, die jetzt erstmals in einer Einzelausstellung zu sehen sind, lässt sich erahnen, wie erhebend und aufregend es einst gewesen sein muss, einen Kinosaal zu betreten . Damals hätte wohl niemand geglaubt, dass diese verschwenderische Schönheit einmal verschwinden könnte.

Die Zeit ist vorbeigegangen

Nun jedoch entdeckt man in Yves Marchand und Romain Meffre faszinierenden Fotografien abgeplatzte Vergoldungen, verstaubte Sitze und zerrissene Vorhänge. Aber man blickt auch auf wertvolle Marmorfußböden, feine Holzverzierungen, ausladende Kronleuchter und prachtvollen Stuck. An manchen Details, so scheint es, ist die Zeit mit Wohlwollen vorbeigegangen.

Zwar mögen die Fotografien dokumentarischen Charakter haben. Dennoch reicht ihr ästhetischer Reiz weit über diesen heraus. Gelingt es den beiden Künstlern doch mit höchstem Feingefühl die Aura der Architektur auf fesselnde, ja sogar berührende Art einzufangen. Nicht nur detektivischer Ehrgeiz, die oft im Verborgenen liegenden Räume aufzuspüren, zeichnet Marchand und Meffre aus, sondern vor allem die Leidenschaft diese möglichst stimmig zu inszenieren.

Wenn die ursprüngliche Beleuchtung der Kinos nicht mehr vorhanden war, mussten die Fotografen mit einer Halogenlampe arbeiten, die sie Stück für Stück weiter rückten, während sie mit ihrer analogen Großformatkamera eine Langzeitaufnahme machten. Das Licht wurde anschließend am Computer noch einmal bearbeitet.

Ergänzt wird die Ausstellung „Filmtheater“ noch von Wochenschau-Filmen aus den Jahren 1947 bis 1975, die in einem kleinen Vorführraum laufen. Zudem zeigt das Filmmuseum einem sehenswerten Dokumentarfilm zur Geschichte der Frankfurter Filmtheater. Erstaunlicherweise galt die Stadt als eine Kino-Hochburg, in der es 85 Lichtspielhäuser mit 90 Leinwänden gab. Das war 1959. Heute sind es nur noch 14 Kinos mit 45 Sälen.

„Filmtheater“ noch bis 31. Mai im Deutschen Filmmuseum Frankfurt, Schaumainkai 41. Geöffnet: Dienstag 10-18 Uhr, Mittwoch 10-20 Uhr, Donnerstag bis Sonntag 10-18 Uhr

Quelle: op-online.de

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