Das gewisse Etwas zählt

Ustinov School nimmt Arbeit im English Theatre auf

+
Beim Casting wurden neun Talente ausgewählt, denen ein Weg zur professionellen Ausbildung geebnet werden soll.

Frankfurt - Das Frankfurter Bahnhofsviertel ist Schauplatz eines einzigartigen Projekts für junge Theaterbegabungen: Die Ustinov Theatre School bietet eine schulbegleitende Ausbildung in Tanz, Gesang und Schauspiel für Jugendliche zwischen 15 und 18 Jahren. Von Carsten Müller 

„Echt stressig“ war das Casting-Wochenende, berichtet Jannika von ihrer ersten Begegnung mit der Ustinov Theatre School. „Ich war sehr nervös, und die Konkurrenz war wirklich hart.“ Neun von 24 Bewerbern haben sich am Ende durchgesetzt, in einem Auswahlverfahren, zu dem Improvisationsübungen oder das Einstudieren einer Choreographie gehörten. Nun stehen Jannika und ihrer Mitschüler, die aus der Stadt Frankfurt, ihrem Speckgürtel und sogar aus Bingen und Limburg kommen, auf der Bühne des English Theatre in Frankfurt, das gemeinsam mit der Ustinov-Stiftung die neue Jugendtheaterschule betreibt. Das Scheinwerferlicht macht ihnen nichts aus. Sie kennen es von den Aufführungen aus Theater-AGs, Schulkursen oder verschiedenen Förderprogrammen wie dem Jugendclub des Frankfurter Schauspiels.

Doch Bühnenerfahrung war gar nicht vonnöten, um einen der begehrten Plätze in der Ustinov Theatre School zu ergattern. „Wir haben Menschen mit dem gewissen Etwas gesucht, die Spielfreude, Durchlässigkeit und Offenheit mitbringen“, erläutert die für Tanz und Körperarbeit zuständige Dozentin Gabrielle Steiger. Die neun Schüler absolvieren nun zweimal wöchentlich Abendunterricht, dazu kommt jeden Monat ein samstäglicher Workshop. Trainiert werden Stimme, Kommunikation und Körper. Auf dem Lehrplan stehen unter anderem Tanz, Sprechen und Gesang, Rollenarbeit und Improvisation, Ensemblespiel und Theatergeschichte.

Die Ausbildung ist auf zwei Jahre angelegt, der erste Jahrgang richtet sein Augenmerk aber auch auf die Vorbereitung der nächsten Premiere im Drama-Club, dem Nachwuchsensemble des English Theatre, das im Juli eine moderne Version von „Alice in Wonderland“ auf die Bühne bringen wird. Schauspieldozent Michael Gonszar, der bei „Alice“ Regie führt und den Drama-Club seit seinen Anfängen vor zehn Jahren leitet, sieht eine seiner Aufgaben darin, den Jugendlichen die Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung und -orientierung beizubringen, ihnen beizustehen, sie zu coachen und zu beraten, bis hin zur Vorbereitung auf ein Vorsprechen. „Die Künste haben angesichts eines Bildungssystems, das viel Wert auf Kenntnisse und Qualifikationen setzt, eine besondere Verpflichtung zur Persönlichkeitsentwicklung beizutragen“, ist Gonszar überzeugt.

Das dürfte ganz im Sinne des 2004 verstorbenen Schauspielers Sir Peter Ustinov sein, der die Ustinov-Stiftung 1999 mit seinem Sohn Igor ins Leben gerufen hat. Wie die Vorstandsvorsitzende Marie Korbél erzählte, hatte Ustinov, obwohl er einer Künstlerfamilie entstammt, als 16-Jähriger heimlich Theater studiert und dies als persönliche Befreiung empfunden, weil er dabei unter anderem lernte, mit seinem „opulenten Körper“ umzugehen. Dass Jugendliche ihre Begabung entdecken und trainieren können, sei ein Herzensanliegen des Unicef-Botschafters Ustinovs gewesen.

Der unter seinem Namen formulierte Anspruch der Theaterschule ist hoch, aber nicht elitär: „Wir wollen keine Stars herausbringen“, erläutert Marie Korbél, „und wenn Absolventen andere Laufbahnen einschlagen, ist das auch kein Problem. Dann werden sie eben kreative Ärzte oder kreative Politiker.“ Die Stiftung wolle „Rohdiamanten schleifen“, ergänzt Stiftungsvorstand Andreas Schwarzhaupt, daher konzentriere sie sich auf die für die künstlerische Entwicklung wichtige Lebensphase zwischen 15 und 18 Jahren. Das Konzept der Ustinov School sei langfristig angelegt, man denke in Zeiträumen von Jahrzehnten. Was Daniel John Nicolai, den Leiter des English Theatre, freut, der die Zusammenarbeit mit der Stiftung als „Ritterschlag“ für sein Theater empfindet, das als Partner viel Know-how beisteuert.

Quelle: op-online.de

Kommentare