400 Teilnehmer bei der Bürgerversammlung

Anbieter wirbt mit „Home Speed Home“

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Großes Interesse: Rund 400 Teilnehmer kamen zur Bürgerversammlung zum Thema „schnelles Internet“ in die Halle.

Groß-Zimmern - Die Bandbreite ihres Internet- Anschlusses bewegt die Menschen. Nur wenige empfinden es als einen Zugewinn an Lebensqualität, während des Downloads eines kurzen Videos einen Snack in der Küche genießen zu können. Von Klaus Holdefehr

Groß war daher das Interesse an einer Bürgerversammlung zum „schnellen Internet“ in der Mehrzweckhalle. Bürgerversammlungen werden vom Vorsitzenden der Gemeindevertretung einberufen, und so oblag die Begrüßung der Besucher – es waren so an die 400, ganz überwiegend männlichen Geschlechts – Manfred Pentz (CDU). Der machte es knackig kurz, ebenso Bürgermeister Achim Grimm (CDU). So hatte Andreas Rinnenbach, in der Wirtschaftsförderung der Kreisverwaltung zuständig fürs regionale Breitbandprojekt, etwas mehr Raum und Zeit für Erläuterungen.

2012, 2013 habe es die ersten Überlegungen in politischen Gremien des Landkreises gegeben, den Ausbau der technischen Infrastruktur fürs schnelle Internet – Ziel ist eine flächendeckende Versorgung mit bis zu 50, zuzüglich Vectoring mit bis zu 100 Megabit pro Sekunde (mbit/s) – selbst in die Hand zu nehmen.

Zum Vergleich: Zur der Zeit als ISDN als Transportmittel für Internet-Kommunikation eingeführt wurde, waren mit Bündelung beider Kanäle 128 kbit/s möglich. Später lieferte DSL bis zu 16 mbit/s, und das bei weitem nicht überall im Landkreis. Jahrelang gab es eine regelrechte Internet-Diaspora, unter der vor allem diejenigen litten, die eine besonders lange (Kupfer-) Leitung hatten, im Sackgassendorf Heubach etwa, einem entlegenen Ortsteil Groß-Umstadts.

Vor diesem Hintergrund sei dann ein Zweckverband entstanden, mit 19 der 23 Kreiskommunen und dem Landkreis selbst, der sich am Odenwaldkreis ein Beispiel nehmen und den Netzausbau mit Glasfaserleitungen selbst beauftragen wollte.

Plötzlich und unerwartet ist dann die deutsche Telekom auf den Plan getreten und hat erklärt, den Netzausbau in weiten Bereichen des Landkreises selbst in die Hand nehmen zu wollen, in einer Art Pilotprojekt. Lediglich wo sich das wirtschaftlich nicht darstellen lasse, also für entlegene Gebiete mit nur wenigen potenziellen Kunden, sei der Ausbau subventionsabhängig.

Also zahlt der Zweckverband insgesamt 3,7 Millionen Euro an die Telekom, und inzwischen hat auch Heubach VDSL, also ganz schnelles Internet.

Telekom-Techniker Oliver Fried erläuterte die Hintergründe. Grundsatz: Das bisherige Netz im Landkreis besteht ganz überwiegend aus Kupferkabeln, und die haben physikalische Eigenschaften, die bremsen. Daher wurden jetzt von den Hauptverteilern zu den übers Siedlungsgebiet verteilten Kabelverzweigern Glasfaserkabel verlegt. Darin reisen dann die Daten theoretisch widerstandsfrei mit Lichtgeschwindigkeit, also knapp 300.000 km/s – bis zum Kabelverzweiger, wo sie für das letzte Stück bis zum Hausanschluss auf das vorhandene Kupferkabel umgesetzt werden. Je nachdem, wie lang und dick das ist, bleibt damit eine Restbremse, weswegen die vollen 50 mbit/s selten im Haus ankommen. „Aber 40 bis 45 mbit/s sollten es im Regelfall schon sein“, so Fried. Später erklärte er einem Besucher auf dessen Überlegungen, dass sich ein Vertrag für 100 mbit/s durch zusätzliches Vectoring nicht lohne, wenn faktisch nur 60 mbit/s ankommen, dass eigentlich das ganze schöne neue Netz auf 100 mbit/s synchronisiert ist und die Telekom quasi software-mäßig drossele, so dass der Kunde doch erst einmal einen 50 mbit/s-Vertrag abschließen, anschließend nachmessen (lassen) könne, was physikalisch bei ihm ankommt und seinen Vertrag dann immer noch „upgraden“ könne. In der anschließenden Fragerunde wurden auch noch andere technische Details erörtert, wobei ein Besucher für Lacher sorgte, als er wissen wollte, ob im neuen Netz sein museales Telefon mit Impulswahlverfahren noch funktioniere. Das funktioniert eigentlich schon jetzt nicht mehr und bei ihm wohl nur deshalb noch, weil zwischen Telefon und Netzanschluss eine Telefonanlage makelt, die vermutlich einen ISDN-Anschluss hat.

SOS vom Smartphone: Das Mobiltelefon als Nothelfer

Auch ISDN war ein Thema. Wie Fried erläuterte, will die Telekom dieses angeblich technisch veraltete Netz bis 2018 abschalten und die gesamte Telefonie auf das Internet-Protokoll (IP) umsetzen.

ISDN-Geräte und -Anlagen können mit entsprechenden Zwischengeräten weiter funktionieren, erfuhren die Besucher, doch müsse stets der Einzelfall untersucht werden. Eher beiläufig erfuhren sie zudem, dass die Telekom wegen komplexer Regulierungen auf Bundes- und EU-Ebene im Umkreis von etwa 550 Metern um die örtliche Hauptvermittlung – sie befindet sich in Groß-Zimmern in der Heinrich-Brücher-Straße unweit der Darmstädter Straße – überhaupt nichts investiert hat. Jedenfalls darf sie in diesem Bereich keine etwaig vorhandenen Kabelverzweiger ertüchtigen.

Aufgrund technischer Gegebenheiten kann in diesem Bereich auch leicht die Konkurrenz als Anbieter von VDSL auf den Plan treten. Mit der Vernetzung der Kabelverzweiger inklusive Vectoring schafft sich die Telekom dann aber wieder ein technisches Netzmonopol.

Jenseits solch technischer, juristischer und wohl auch wirtschaftlicher Details konnten die Besucher mit Telekom-Techniker Joachim Stromer einen Blick in die neue Welt der Datenautobahnen werfen, auf denen Datenaustausch, Telefonie und Fernsehen ungehindert nebeneinander her rauschen.

160 Sender, davon 21 oder 47 in HD, in der Entertain-Box mit bis zu 500 GB Speichervolumen, die damit auch als Medienarchiv gebraucht werden kann, das mag schon ein Leckerli sein. Die Beratungsstände im hinteren Bereich der Mehrzweckhalle waren zum Ende der Veranstaltung regelrecht umlagert.

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