Pfarrfastnacht Teil 2

„Atemlos...“ zieht sich die Sängerin aus

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So viel Harlekin: Die Herren vom Viehtrieb erstürmten mit bunten Kostümen und viel Gesang die Bühne bei der Pfarrfastnacht.

Groß-Zimmern - Nach der Pause gehts’s weiter bei der Pfarrfastnacht, atemlos durch die Nacht, die Große Garde verabschiedet sich, Magdalena Hermann zieht sich ein bisschen aus und der Viehtrieb beendet die Show mit seiner närrischen Brunftzeit.

Es gibt doch tatsächlich Leute, die behaupten, Fastnacht habe nichts mit Sex zu tun. Dabei lebt mindestens ein Drittel der Büttenreden vom Blick unter die Gürtellinie. Gemessen daran war der Vortrag von „Marsi“ Scharna – sie war die einzige, die in der zweiten Halbzeit der Groß-Zimmerner Pfarrfastnacht in die Bütt ging – ziemlich züchtig.

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Super Show und „alles von Laienhand“

Dafür zog sich das Groß-Zimmerner Goldkehlchen Magdalena Hermann ein bisschen aus, bevor sie atemlos durch die Nacht stürmte. In Ermangelung anderen Materials mit Mitgröl-Potenzial – das Fliegerlied und Viva Colonia sind ja nun wirklich ziemlich schon ausgelutscht und passen allenfalls noch ganz gut ins Programm närrischer Bänkelsänger wie derer vom Viehtrieb – bemächtigte sich die klassisch gestählte Diva des Schlagers, der seit einer gefühlten Ewigkeit die Spitze der deutschen Hitparade besetzt hält und die Nation ähnlich tief spaltet wie Pegida.

Aber der Reihe nach: Der erste Teil der Sitzung in der nett dekorierten Mehrzweckhalle hatte wohl zur Verausgabung animiert, und so gönnten sich die Zimmerner Narren eine recht lange Atempause – oder besonders tiefe Züge am Glimmstängel – bevor tiefe Glockenschläge den Fortgang des Programms ankündigten.

Fastnacht und Sex

Klang ein wenig wie das Intro von „Hells Bells“, diesem Kultstück von AC/DC, aber es erschien kein Leibhaftiger, sondern leibhaftig vor allem Sitzungspräsi „Fritzi“ Faust, um den Fortgang zu verkünden. Gleich die erste Nummer war ein Wiedersehen und ein Abschied, denn es ist ungewiss, ob die Große Garde mit dem Ausscheiden ihrer Trainerin in der bisherigen Form bestehen bleibt. Mit einem plakativen „Danke“ beendeten sie ihren möglicherweise finalen Auftritt.

„Lili Marlen“ ist ja ein weltweit verbreiteter, gleichwohl „anzüglicher“ Text, mit dem zugehörigen Augenaufschlag vorgetragen durch die Sängerin Magdalena Hermann, die sich nach dieser ersten Nummer nicht ein neues Kostüm an-, sondern auf offener Bühne das vorherige auszog. Bei diesem kleinen Striptease assistierte ihr Bürgermeister Achim Grimm, der beim öffentlichen Frauen-Ausziehen allerdings ein wenig unbeholfen wirkte. Kurz behost kam dann, was ja irgendwann an diesem Abend kommen musste: „Atemlos…“, mit geschätzt 400 bis 500 Mitsängern, also annähernd allen Narren in der Hall’.

Eine kluge Regie setzte Nachdenkliches hinter Furioses und ließ Marsilia Scharna mit Rollator einmarschieren. Die einstige „dick’ Fraa“ war in diesem Jahr zur „alt’ Fraa“ mutiert und sinnierte in wohlgesetzten Reimen über eine Gesellschaft, in der die Menschen immer älter werden, die den Alten aber kaum Räume der Teilhabe bietet. Über „Marsis“ Seitenhiebe gegen den Ausbau der U-3-Betreuung könnte man inhaltlich trefflich diskutieren, im Publikum wurde er mit spontanem Applaus gefeiert.

Schunkeln zum Finale

Ansonsten zeigte dieser Auftritt, dass es überhaupt nicht schadet, wenn frau ihr „Redd“ abliest, und insgesamt gilt: Scharna entwickelt sich mehr und mehr zu einer beachtlichen Büttenrednerin, ihre Reden wären aber noch besser, wenn sie ein klein wenig kürzer wären. Die Huppdohlen hatten sich– politisch ein wenig inkorrekt, wie Faust in seiner Ankündigung durchblicken ließ – vom Sarotti-Mohren inspirieren lassen, was zu wunderschönen Kostümen geführt hat, und zu einer eher ruhigen Choreografie auf der Schokoladenseite des Lebens.

Und dann war schon das Ende nah, mit den Groß-Zimmerner Speeslochfinken, die sich Viehtrieb genannt haben, ihr Dieburger Pendant zahlenmäßig um ein Vielfaches übertreffen, aber wie dieses aus Stimmungsliedern etwas zusammensetzen, was früher den schönen Namen „Potpourri“ trug.

Pfarrfastnacht in Groß-Zimmern

Pfarrfastnacht in Groß-Zimmern

Da hielt’s dann niemanden mehr auf dem Stuhl und ins große Finale wurde gesungen, geschunkelt und getanzt. Und wo waren eigentlich die Flüchtlinge? Im bunt kostümierten Publikum voll integriert und so einfach nicht zu erkennen.

(sr)

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