Bürgerversammlung:

Runde Gemeinde mit Netzknoten mitten im Ort

+
Husch, husch, die Glasfaserfee, heißt es ab März 2016 für die Daten im Groß-Zimmerner Internet.

Groß-Zimmern - Es ist ein schöner Frühlingsabend, eher Wetter für den Biergarten als für eine Bürgerversammlung, wie Parlamentsvorsteher Manfred Pentz richtig feststellt, als er die rund 50 Teilnehmer der Versammlung zum Thema schnelles Internet in der Mehrzweckhalle begrüßt. Von Klaus Holdefehr 

Der Ort strahlt die Erotik eines Hohlblocksteins aus, aber irgendwie passt das zum Thema. Das Publikum: 90 Prozent Männer. Es lebe das Klischee, das da heißt: Frauen und Technik… Wie sich später herausstellt, kommen überproportional viele dieser Männer aus Klein-Zimmern, was den Verdacht nahelegt, dass dieser Ortsteil eine Daten-Diaspora ist. Bürgermeister Achim Grimm, danach befragt, weiß allerdings nichts über einen spezifischen Beschwerdestau zu berichten. Überhaupt sieht in Groß-Zimmern die Datenwelt nicht so dunkel aus wie beispielsweise in manchen Stadtteilen von Groß-Umstadt, wo man nach dem Übertragungsstart für große Dateien wie etwa Präsentationen oder hoch aufgelöste Fotos getrost ins Café gehen könnte – gibt’s aber in Klein-Zimmern nicht.

„Zimmern ist ziemlich rund und der Netzknoten ist in der Mitte“, hat ein Fachmann von der Telekom dem Autor dieses Artikels mal die Tatsache erklärt, dass dieser mit seinem Redaktionsbüro zwar ziemlich am Ortsrand sitzt, sich aber triotzdem lange Zeit über messbare 13 mbit/s freuen konnte. Inzwischen gräbt ihm aber das von der Telekom so stark beworbene Unterhaltungs-Segment (von Fernsehen über Internet war auch jetzt in der Mehrzweckhalle wieder die Rede) so viel Bandbreite ab, dass auch er mit Interesse den Ausführungen der versammelten Fachleute zum „NGA“ folgte.

NGA Steht für „Next Generation Access“, sinngemäß für das „Netz der Zukunft“ und für ein Gemeinschaftsprojekt, für das ein Zweckverband aus 19 Kreiskommunen der Deutschen Telekom einen Zuschuss von brutto 3,7 Millionen Euro zahlt. Diese mit Blick auf EU-Recht nicht ganz unproblematische Subventionierung ist auch Folge der Tatsache, dass es die Privatisierer der Bundespost, bei der einst alle Leitungen zusammenliefen, versäumt haben, der Deutschen Telekom einen Grundversorgungsauftrag für Datenkommunikation ins Lastenheft zu schreiben, wie sie es für die damals noch weitgehend analoge Telefonie einst getan haben.

Im Odenwald ging’s ohne die Telekom, aber auch nicht ohne Kapitaleinsatz, denn das großflächige Verlegen von Glasfaserkabeln und die Installation neuer Verteilerkästen kostet. Das ist das Geheimnis der Beschleunigung: Im Glasfaserkabel sind die zu Lichtwellen gewordenen Daten mit Lichtgeschwindigkeit unterwegs, und die beträgt unvorstellbare 300 000 Kilometer pro Sekunde. Kupfer, der herkömmliche Leitungsstoff, bremst. Also muss das Glasfaser näher an die Endabnehmer, nur die „last Mile“ vom Verteilerkasten zum Kunden, in der Regel nicht mehr als maximal 300 bis 400 Meter, bleibt wie sie ist. Die neue Technik soll prinzipiell 50 Mbit/s ermöglichen, wobei am Ende von ungünstig langen Last Miles auch mal nur 40 Mbit/s ankommen können, wie Franz Becker von der Deutschen Telekom einräumt. Hessen liege mit solchen Projekten „vorn“, behauptet Berthold Paslak, Netzberater des Landkreises Darmstadt-Dieburg, der wiederum mit seinem Projekt auch ziemlich weit „vorn“ sei.

Das hat vorab auch schon Andreas Rinnenbach erläutert, der in der Kreisverwaltung den Ausbau „NGA“ koordiniert und überwacht. Dieter Kleiber von der ausführenden Tiefbaufirma Klenk liefert die „harten“ Daten. Zuvor hat Rinnenbach den allgemeinen Zeitplan mit seinen drei „Clustern“ (Ja, die Welt der Daten ist voller Anglizismen) erläutert, dessen erstes im Osten des Landkreises bereits seiner Fertigstellung entgegen geht. Schluss also mit der Kaffeepause in Heubach Der Jubel im Groß-Umstädter Stadtteil Semd drang unlängst fast bis nach Klein-Zimmern.

Groß-Zimmern gehört zum zweiten Cluster, und die Tiefbauarbeiten sollen hier im August beginnen. Hie und da gibt es bereits Rohre, in die das Glasfaserkabel eingeführt werden kann, andernorts muss noch gebuddelt werden. Von 5 000 Metern neuer Trasse spricht Kleiber. Die Ausbaukarte soll auf die Homepage der Gemeinde kommen. Die Tiefbaufirma Klenk wird Infozettel in den Straßen verteilen, in denen gebuddelt wird – vorzugsweise im Bereich der Bürgersteige.

Im März 2016 soll „NGA“ ist Groß- und Klein-Zimmern funktionieren. Dass dabei auch das noch relativ neue „Vectoring“ zum Einsatz kommt, ist nur am Rande Thema. Frohe Botschaft für alle, die auf schelle Daten besonders erpicht sind: Damit gehen sogar 100 Mbit/s. Und was kostet das den Endkunden? Das will Becker so nicht beantworten, „weil es ganz unterschiedliche Angebote für ganz unterschiedliche Kundenprofile gibt“. Soviel aber noch: Die Dienstleistung kann auch bei anderen Anbietern gebucht werden, weil die „regulierte“ Telekom sie auf ihre Leitungen lassen muss. Becker verspricht eine weitere Info-Veranstaltung, wenn in Groß-Zimmern Hochgeschweindigkeit möglich ist, und andere Anbieter werden dazu gewiss ihre eigenen Werbekanäle finden. Nach gut einer Stunde entlässt MdL Pentz schließlich die 45 Männer und fünf Frauen in die analoge Welt der Biergärten.

Kommentare