Bürgerversammlung im Jugendzentrum

„Alle zusammen in einem sicheren Boot“

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Groß ist das Interesse an der neuen Flüchtlingsunterkunft in der Angelgartenstraße und an der Arbeit des Runden Tisches.

Groß-Zimmern - Flüchtlinge sind kein Problem, sondern Menschen, die Hilfe benötigen. Das war durchweg Konsens bei der Versammlung am Mittwoch im Jugendzentrum. Von Gudrun Fritsch 

Rund 100 Bürger diskutierten über die Situation vor Ort und über den geplanten „modularen Neubau“ für 48 Asylbewerber in der Angelgartenstraße. „Wir sitzen hier alle zusammen in einem sicheren Boot“, sagte Bürgermeister Achim Grimm zu Beginn der Versammlung. Eine etwas makabere Metapher, angesichts der aktuellen Katastrophen im Mittelmeer, bei denen fast täglich hunderte Menschen ums Leben kommen. Selbst überrascht, nutzte Grimm den Effekt, um deutlich zu machen, dass die Flüchtlinge und die Groß-Zimmerner tatsächlich eine Gemeinschaft bilden müssten, denn „Integration kann nur als aktiver Prozess aller gelingen“. Mit der wohl wichtigsten Information überraschte Grimm gleich zu Beginn der Versammlung: Die in der Angelgartenstraße geplante Gemeinschaftsunterkunft solle nun doch nicht für 96 Flüchtlinge Platz bieten. „Der Gemeindevorstand hat sich am Montag noch einmal mit dem Vorhaben befasst und entschieden, dass es bei den 48 Plätzen bleiben soll, denen das Gemeindeparlament bereits zugestimmt hat.“ Eine Wende, die viele Anwohner offensichtlich aufatmen ließ.

Das „Quartier“ der Sozialen Stadt, in dem die Flüchtlingsunterkunft entstehen soll, war einst sozialer Brennpunkt. Kommune und Bürger arbeiten seit Jahren intensiv und mit Erfolg an einer Veränderung. Um die gestärkte, positiv gestimmte Nachbarschaft nun nicht über Gebühr zu belasten, hatten sowohl Anwohner als auch Politiker kritisiert, dass über 90 Zuwanderer für diesen Standort wohl zu viel seien. Jugendpfleger Tom Hicking hatte zunächst die Situation der Flüchtlinge und die Arbeit des Runden Tisches beschrieben. Pfarrer Christian Rauch appellierte an die Menschlichkeit und die Erste Kreisbeigeordnete Rosemarie Lück erläuterte ausführlich Grundlagen und Vorgehen bei der Unterbringung von Asylbewerbern im Landkreis.

Am Donnerstag, so stand an diesem Abend bereits fest, sollten die ersten 15 Asylbewerber kommen, die inzwischen ins ehemalige Restaurant „Georgi“ eingezogen sind. Investor Willi Hartmann hat das Gebäude in der Bahnhofstraße für 1,3 Millionen Euro zur Gemeinschaftsunterkunft umgebaut – in Rekordzeit und mit sehr viel Engagement, wie etliche Besucher anerkennend bestätigten. Er wird nun auch für die Modul-Unterkünfte als Betreiber auftreten. „Dass es sich um Container handelt, ist am Ende nicht mehr zu sehen“, beschrieb er die Herbergen, die allerdings inzwischen aufgrund der hohen Nachfrage recht teuer geworden seien. Auch Lück berichtete, der Kreis werde überschüttet von Angeboten, die längst nicht alle so schön erscheinen. Auch ein Grund für schnelles Handeln seien in der Folge die immer längeren Lieferzeiten. „Wir sind nach wie vor dringend an Privatwohnungen interessiert“, betonte sie. Denn allen sei inzwischen klar, dass die Fehler aus der Vergangenheit nicht wiederholt werden sollten. Am besten könne Integration funktionieren, wenn die Flüchtlinge zentral wohnen. Einige Mitglieder des Arbeitskreises schilderten ihre durchweg positiven Erfahrungen, bevor Fragen beantwortet wurden.

„Ich bin froh, dass es bei 48 Menschen bleibt“, meinte Horst Neumann, der in direkter Nachbarschaft wohnt. Auf das Auto unbedingt angewiesen wolle er gesichert wissen, dass Garagenzufahrten und die Ausfahrt für die Feuerwehr freigehalten werden. „Irgendwann erhalten die Flüchtlinge Asyl. Rund zwei Drittel von ihnen bleiben. Viele suchen dann Wohnung und Arbeit. Dafür brauchen sie ein Auto. Der zusätzliche Bedarf an Parkplätzen muss bedacht werden“, mahnte er.

Ähnlich wie Neumann betonten auch andere Anwohner, dass sie Verständnis für die Situation der Flüchtlinge hätten und gerne helfen wollten. Viele sind allerdings in Sorge, dass der Umgang mit Abfall und Müll aus Unkenntnis zur Belastung werden könnte. „Was können die Flüchtlinge denn hier lernen? Wir heben doch immer den Dreck der anderen auf“, drückte eine Frau ihre Sorge aus. Während Hicking sich erzürnt wehrte, er ließe sich das Quartier nicht schlecht reden, hob Martina Goßmann, Leiterin der Schule im Angelgarten, die positiven Effekte hervor: „Wir haben viel Erfahrung mit dem gegenseitigen Lernen. Es funktioniert sehr gut. Mit Akzeptanz und Offenheit können wir alle davon profitieren und den Familien beim Start in ein besseres Leben helfen.“ Und hier hatte auch Astrid Geiß ihren Einsatz. Mit „Zimmern Glänzt“ wirbt sie engagiert in Kindergärten, Schulen und anderen Einrichtungen für den umweltbewussten Umgang mit Müll. „Wir werden auch mit den Flüchtlingen Schulungen machen“, versprach sie und regte an, die Entsorger sollten ihre Broschüren möglichst bald auch in die nun erforderlichen Sprachen übersetzen lassen.

Ob man im Sinne eines friedlichen Miteinanders versuche, die Neuankömmlinge nach Sprache und Religionszugehörigkeit einzuteilen, wollte eine Frau wissen. Das sei leider nur bedingt möglich, entgegnete Lück. Konkrete Informationen zu den Personen gebe es nämlich erst ein bis zwei Tage zuvor. Nach gut zweieinhalb Stunden mit reichlich Informationen und Anregungen diskutierten viele anschließend in kleineren Gruppen weiter. Und nicht wenige Teilnehmer des Abends überlegten spontan, wie sie selber aktiv bei der Flüchtlingsaufnahme helfen könnten.

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