Marsilia Scharnas Auftritt bei der Pfarrfastnacht

Büttenrednerin der Spitzenklasse

+
Marsilia Scharna: als „alt Fraa“ war sie ein Renner bei der letzten Fastnacht.

GROSS-ZIMMERN - Die „dick" Fraa“ war sie schon, oder die „alt" Fraa“, das beweist Mut zum Makel und Fähigkeit zur Selbstironie - Eigenschaften, die leider nicht jedem Narren zu eigen sind. Von Klaus Holdefehr

Aber auch Marsilia Scharna gerät an die Grenze der Eitelkeit angesichts des Büttenbilds zu diesem Portrait. Meine Tochter schminkt mich gerne so“, sagt sie bedauernd zum Bild der „alt" Fraa“, schickt sich dann aber doch ins scheinbar Unabänderliche. Ein bisschen zeitlose Zeitkritik darf’s gerne sein in ihren Reden, die sie durchweg selbst und alleine schreibt. Als „dick" Fraa“ legt sie sich mit Schönheitsidealen an, und als „alt" Fraa“ weist sie darauf hin, dass die Menschen in unserer Gesellschaft immer älter werden, diese Gesellschaft den Alten aber nur unzureichenden Raum für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben einräumt. So steckt hinter der karnevalesken Ironie hin und wieder auch ein Quäntchen Aufklärung.

Köstlich blödeln kann sie auch. Wer derzeit bei ihr anruft, bekommt zu hören: „Weihnacht, Silvester, alles rum, doch wir Scharnas sind net dumm, wir bleiben gut gelaunt und heiter und feiern gleich die Fastnacht weiter. Vor Aschermittwoch, sonnenklar, sind wir hier garnit ansprechbar.“ Sie hat tatsächlich eine Menge Arbeit in dieser närrischen Zeit, nicht nur mit der aktuellen Büttenrede: Für die närrischen Sitzungen, die jedes Wochenende in privatem Kreis stattfinden, backt sie insgesamt an die 600 Kreppel.

In privatem Kreis - da hat alles angefangen, und die Fünfündfünfzigjährige blickt zurück in ihre frühe Kindheit und darüber hinaus: „Schon meine Urgroßeltern waren Büttenredner, und meine Großmutter auch. Ich bin aber die erste in dieser Familie, die öffentlich auftritt.“ Das war vor fünf Jahren, auf der Damensitzung in Messel.

Unter Luftschlangen-Girlanden am Kronleuchter sitzend beschreibt sie, dass die schlimmsten Vorträge diejenigen sind, die auf aneinandergereihte Witze aus irgendwelchen Sammlungen bestehen. Da hat „Marsi“, wie sie nicht nur von befreundeten Narren genannt wird, einen ganz anderen Anspruch: „Ich habe immer ein Notizbuch bei mir, damit ich auch die Ideen festhalten kann, die mir unterwegs kommen. Das kann zum Beispiel beim Einkaufen im Supermarkt sein, und manchmal muss ich auch schon mal kichern. Manchmal halten mich die anderen Kunden dann schon für ein wenig bekloppt.“

Grundsätzlich werden die Gedanken dann in Reime gefasst, und das kann sich auf bis zu 22 Seiten auswachsen, was gelegentlich doch schon ein bisschen zu lang wird, wie die Narrenköpfin selbst weiß und sich deshalb gemeinhin auf zehn bis 16 Seiten beschränkt.

Archivbilder

Pfarrfastnacht in Groß-Zimmern

Ihr närrisches Gemüt (Ich kenne keine Winterdepression!“) ist ansteckend, und auch Gatte Jost schreibt mittlerweile Büttenreden. Ihre beiden Kinder - Jolie (15) und Johannes (20), der in diesem Jahr austauschweise Karneval in Rio erleben darf - haben schon vorgeburtlich den Narhallamarsch gehört. Dicker Bauch schützt nämlich nicht vor Narretei und war sogar Thema einer Büttenrede ihres Mannes. „Die beiden Kinder waren die ersten Groß-Zimmerner auf der Bühne der Dieburger Kinderfastnacht“, erzählt die stolze Mutter. Und dass Jolie heuer erstmals selbst eine „Redd“ schreibt, macht sie besonders stolz. Zu bewundern sind Marsilia Scharnas Verbalakrobatiken am Samstag (23.) bei der Pfarrfastnacht in der Groß-Zimmerner Mehrzweckhalle und am Samstag (30.) bei der Damensitzung des MKV im Messeler Georg-Heberer-Haus. „In Damensitzungen geht es immer um Männer“, verrät „Marsi“ das Ziel ihres Spotts, aber sie schreibt ja für jede Sitzung einen eigenen Text. Wer sie dieses Jahr in Zimmern sein wird, will sie natürlich noch nicht verraten.

Mehr zum Thema

Kommentare