„Home-Office“, oft auch Telearbeit genannt, hat bisher noch Seltenheitswert

Ganz ohne Stau zur Arbeit

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Ralf Burgdorf genießt die Vorteile der Telearbeit.

Groß-Zimmern/Darmstadt-Dieburg - Ohne Stau in den Arbeitstag starten, stattdessen im Morgenmantel den PC anschmeißen - ein Traum, den viele haben aber bisher nur wenige leben. „Home-Office“ ist im Raum Groß-Zimmern und Dieburg noch nicht weit verbreitet. Von Katrin Muhl

Wer es macht, genießt es meistens aber auch. Ganz ohne Präsenz am Arbeitsplatz geht es aber bei den meisten Firmen noch nicht.

Zu den Glücklichen, die von den Vorteilen des „Home-Office“ profitieren, gehört Ralf Burgdorf aus Groß-Zimmern. „Ich arbeite seit mehr als zehn Jahren von zuhause aus und finde es genial“, sagt er. Das klassische Büro hat der Vertriebsmitarbeiter gegen ein „Spiel- und Arbeitszimmer“ getauscht, in dem er sowohl seiner Tätigkeit für die amerikanische Softwarefirma Citrix als auch seiner Sammelleidenschaft rund um den Citroën „DS“ nachgeht. Während seiner „Home-Office“-Zeit ist Burgdorf ständig vernetzt, denn die komplette Kommunikation läuft digital. Das ist super-praktisch, weil es ihm ermöglicht, überall zu arbeiten - strenggenommen ist nicht einmal mehr der heimische Schreibtisch ein Muss. „Ich habe auch schon am Strand liegend die Büroarbeit erledigt“, erzählt er.

Zwei Tage die Woche ist der Familienvater unterwegs und besucht Firmenpartner in Rhein-Main und Rhein-Neckar. „Was ich da an Verkehr erlebe, ist schon mehr als genug“, sagt er kopfschüttelnd und äußert sich dankbar darüber, den Rest der Woche nicht im Verkehrschaos zu stecken. Genauso schätzt Burgdorf die Freiheit, am frühen Nachmittag Erledigungen zu machen oder ganz spontan eine Verabredung anzunehmen. In einem regulären Job, bei dem der Arbeitgeber auf Präsenzzeit pocht, wäre beides unvorstellbar. Trotzdem dürfe man das Home-Office nicht mit Urlaub verwechseln mahnt Burgdorf, denn von Bekannten werde ihm das immer wieder unterstellt. „Am Ende des Tages zählt, dass ich meine Arbeit getan habe“, erklärt er.

Das könne, je nach Situation, einen vergleichsweise kurzen Arbeitstag bedeuten, oder eine extra Schicht bis in den späten Abend hinein. Burgdorf bezeichnet sich gern als „Verfechter des Home-Office“, räumt aber ein: „wäre ich fünf Tage in der Woche nur zuhause, wäre das auch nichts für mich.“ Was vor allem fehlt, sei der „Flurfunk“, denn „manches erfährt man eben doch nur im persönlichen Gespräch.

Für Ralf Burgdorf ist die Telearbeit eine Konsequenz des digitalen Wandels in der Arbeitswelt und schon lange keine Akzeptanzfrage mehr, sondern „eine Option, mit der man nur gewinnen kann.“ Der LA hat sich bei großen Firmen im Umkreis umgehört und gefragt, wie sie auf der Arbeitgeber-Seite zum Home-Office stehen.

Bei STIHL in Dieburg organisieren Mitarbeiter ihre vertrieblichen Tätigkeiten im Home-Office. Am Standort Dieburg bietet das Unternehmen die Möglichkeit von Telearbeit aber noch nicht an. Die Nachfrage sei aktuell gering, in Zukunft könne man sich diese Art von Beschäftigung in Dieburg jedoch durchaus vorstellen. „Die zunehmende Digitalisierung sowie der Wunsch nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf können diese Entwicklung fördern“, so die Einschätzung von Michael Putschko, Leiter des Bereichs „Kundenservice und Öffentlichkeitsarbeit“.

Im Dieburger Rathaus gibt es keine Wünsche nach Home-Office

Auch in der Dieburger Stadtverwaltung hätten die Mitarbeiter noch keine Wünsche nach Telearbeit laut werden lassen. Das berichtet Daniel Accaino, der auch in Zukunft wenige Möglichkeiten sieht, um seine Kollegen ins Home-Office zu schicken: „Unsere Mitarbeiter haben überwiegend Kontakt mit Kunden, so dass sich Home-Office schwer realisieren lässt. Die meisten Mitarbeiter wohnen ohnehin in Dieburg und Umgebung, sodass sie auch schnell an ihrem Arbeitsplatz sein können.“ Ganz anders handhabt das Thema übrigens die Stadtverwaltung in Offenbach, die ihre Büroangestellten zum Teil arbeiten lässt, wo sie möchten und fortschrittlich an „e-Government“ denkt.

Volkswagen Original Teile Logistik GmbH & Co. KG biete für seine administrativen Mitarbeiter grundsätzlich zwei Tage Home-Office pro Woche an.

Damit will das Unternehmen Pendlern und Eltern die Vereinbarung von Privatleben und Beruf erleichtern. Laut Christoph Steinbach, Pressesprecher von Volkswagen OTLG, nutzen in Dieburg zehn Prozent der 120 Verwaltungsangestellten dieses Angebot.

Alle anderen kommen um die Präsenz am Arbeitsplatz nicht herum: „Für Kollegen, die in der operativen Logistik tätig sind - das sind etwa 70 Prozent - ist Telearbeit nicht möglich. Einen Großteil unserer Arbeit müssen wir in unserem Vertriebszentrum erledigen, das wird auch die Digitalisierung nie endgültig beenden“, gab Steinbach zu denken.

Ganz ohne Anwesenheit am Arbeitsplatz geht es auch in der Sparkasse Dieburg nicht. Während Mitarbeiter in der Administration nicht mehr allmorgendlich das Haus verlassen müssen, um ihrer Tätigkeit nachzugehen, sieht Pressesprecher Karl-Heinz Sehnert die persönliche Anwesenheit in den Geschäftsstellen und Beratungszentren der Sparkasse als „unabdingbar“.

Trotzdem bemühe man sich um flexible Arbeits- und Servicezeiten und prüfe daher aktuell den Einsatz von Text- und Videochat. „Wir sehen Home-Office als einen interessanten Baustein zur Erhöhung der Mitarbeiterzufriedenheit und zur nachhaltigen Ausrichtung durch Reduktion der Rüstzeiten und Anfahrtskosten“, sagte Sehnert.

Die Firma Continental in Babenhausen sieht das Home-Office als bedeutsamen Baustein zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Dennoch sei der persönliche Kontakt wichtig und die Anwesenheit in manchen Situationen eben doch erforderlich, auch wenn Videokonferenzen hierbei eine große Hilfe seien, so die Einschätzung von Gesa Krueger, Continental-Sprecherin für Personal und Karriere. Unter Berufung auf die von Continental durchgeführte Karriere-Umfrage (www.karriere-umfrage.de) sagte Krueger, Continental-Sprecherin für Personal und Karriere: „Gerade bei der jungen Generation ist Telearbeit ein Trend, der mit ausschlaggebend für die Wahl des Arbeitgebers ist.“

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