Geschichtsrückblick mit der alten Bismarckeiche

Auf dem Totholz tobt das Leben

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Karli Selmes-Ohl (von links), Bürgermeister Achim Grimm und Förster Martin Starke präsentieren die Scheibenkonstruktion.

Groß-Zimmern - Die alte Bismarckeiche ist in Zimmern ein allseits bekannter Baum. Sie stand 202 Jahre am schmalen Beckerweg im Wald. Am 10. Januar 2015 fiel sie geschwächt bei einem leichten Sturm um. Jetzt kommt sie zu neuen Ehren. Von Gudrun Fritsch 

Die Wurzeln waren geschädigt. Sie hatten sich im Laufe der Zeit mehr oder weniger aus dem Boden herausgedreht, die mächtige Eiche mit einem Durchmesser von über einem Meter verfügte über zu wenig Feinwurzelwerk, die Standsicherheit war gefährdet. Der am Boden liegende Stamm wurde durchgesägt, um den Kleinen Beckerweg, über den der Baumriese gestürzt war, wieder begehbar zu machen. Der große Baum blieb jedoch insgesamt liegen. „Als Totholz ist er wertvoller“, sagt Revierförster Martin Starke. Und Bäume dieses Kalibers werden sowieso nicht mehr vermarktet. Für den Förster ist viel wichtiger, dass man so in den kommenden Jahren sehr gut sehen kann, wie sich die Natur um das wertvolle Totholz kümmert und es als Lebensraum für seltene Pilze , Moose oder Flechten nutzt.

Nicht nur Pflanzen tummeln sich auf dem Stamm. Beim Ortstermin am Donnerstag klettern rund 20 „Waldgeister“ auf der liegenden Eiche herum. Für die Kleinen der Waldschule ist der Baum Lebensraum und beliebter Spielplatz. Wahrscheinlich wäre die Bismarckeiche stolz und sehr glücklich, könnte sie sehen, wie auf ihrem Totholz das Leben tobt. Beim Ortstermin mit Bürgermeister Achim Grimm wurde nun die Standtafel eingeweiht, die nicht nur an die Bismarckeiche, sondern auch an ihre Lebensgeschichte erinnern soll, denn anhand der aufgestellten Baumscheibe kann man den Wandel der Geschichte in Groß-Zimmern und der weiten Welt nachvollziehen.

Die Scheibe wurde in den Werkstätten der Diakonie in Dieburg unter Leitung von Stephan Pertermann getrocknet und geschliffen. Nun kann man deutlich die Jahresringe sehen. Karli Selmes-Ohl hat im Bauhof der Gemeinde aus Zimmerner Eichenholz einen stabilen Rahmen für diese Scheibe gezimmert, damit das 150 Kilo schwere Holzstück nicht doch noch nass wird, hat er einige Holzschindeln obendrauf gesetzt. An diesem Baumdenkmal können sich fortan Waldbesucher der Geschichte des Ortes und der ganzen Welt nähern.

Starke hat mit Unterstützung der Zimmerner Heimatforscher Manfred Göbel und Helmut Kriha eine Datenauswahl getroffen und diese auf zwei Seiten zusammengefasst. Die Jahresringe des Baumes sind farblich mit kleinen Ansteck-Pins gekennzeichnet, in den gleichen Farben kann man zeitgleiche wichtige Ereignisse auf dem Ausdruck nachlesen. Die Geschichte des Baumes beginnt nicht bei Null, sondern 311 Jahre vor ihrer Geburt, und zwar mit der Zimmerner Kerb 1491. „Das Datum hat Helmut Kriha ja erst ziemlich aktuell ausgegraben“, sagt Starke. Als nächstes nennt er 1492 die Entdeckung Amerikas und erst dann folgt 1508 die Dieburger Fastnacht.

Auf dem Stamm der alten Eiche spielen die Kleinen vom Waldkindergarten mit Begeisterung.

Das Jahr Null des Baumes ist in etwa zeitgleich mit dem Ende des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation. Als das Bäumchen 12 Jahre alt war, lebten in Zimmern 1 400 Menschen, heute sind es zehnmal so viele. Mit 25 Jahren entkam sie dem Schicksal vieler anderer, die in der damals neuen Zündholzfabrik in der Klein-Zimmerner Straße landeten. Mit 50 Jahren hatte sie wohl schon einen Durchmesser von 25 Zentimetern und ihren Namen erhielt sie erst mit rund 80 Jahren, mutmaßt Starke. Denn viele Eichen wurden zum 80. Geburtstag des ersten Deutschen Reichskanzlers Fürst Bismarck am 1. April 1895 nach ihm benannt. 1910 – da war der Baum 97 Jahre alt – hat wohl der letzte Zunderschwammklopfer im Ort seine Arbeit eingestellt. Begeistert gibt der Förster sein Wissen weiter. „Die Zunderschwammklopfer haben diesen Pilz aus den Bäumen geklopft. Der brannte sehr gut, wie Zunder eben, und wurde zum Feuermachen genutzt. Das wusste ich auch nicht, die Geschichtsforscher haben es mir beschrieben“, so Starke. Zur Zeit des Ersten Weltkriegs war die Eiche 100 Jahre. Zwischendurch erfährt der Betrachter immer wieder, welche Musik modern war, welche Gebäude entstanden, welche weltbewegenden Ereignisse parallel zur Baumblüte bewegten und wie viele Einwohner in Zimmern zu dieser Zeit gerade lebten. Eine unterhaltsame und phantasievolle Geschichtsbetrachtung, die in gedruckter Form - um vor jedem Wetter geschützt zu sein - erst demnächst zur Holzscheibe hinzu kommt. Karli Selmes-Ohl hat zugesagt, auch für die Lesezettel ein wetterfestes, aber einsehbares Nest zu bauen.

Die alte Bismarckeiche jedoch wird nun den natürlichen Gang gehen. In ein paar Jahren wird ihre Rinde abfallen, das Holz ist bereits von Pilzen und Käfern besiedelt. „Nur Fledermäuse und Vögel werden die Eiche nicht mehr bewohnen können, denn diese Tiere bevorzugen aufrecht stehende Bäume. Aber der mächtige Stamm wird auch in 20 Jahren noch hier am kleinen Beckerweg liegen“, sagt Starke.

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