Am Montag ist die neue, teils restaurierte Orgel angekommen

Glockengeläut zur Begrüßung

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Die Orgel ist da: Viele helfen, den großen Lkw zu entladen.

Groß-Zimmern - Pünktlich kamen die Kunsthandwerker aus Bautzen am Montagmittag mit der Orgel in Groß-Zimmern an. „Zur Begrüßung habe ich extra die Glocken läuten lassen“, erzählt Pfarrer Christian Rauch voller Begeisterung. Von Gudrun Fritsch 

Die Orgel ist da: Viele helfen, den großen Lkw zu entladen.

Nach sieben Jahren harter Arbeit und Spendensammelns für das neue, teils restaurierte Instrument der St. Bartholomäus-Kirche ist jetzt ein Ende in Sicht. Gut verpackt liegen hunderte Zubehörteile auf dem 40-Tonner und warten darauf, in die Kirche getragen und auf das Podest gehievt zu werden. Um 6 Uhr waren die vier Orgelbauer und ein Tischlermeister von der Firma Eule in Bautzen losgefahren. Das fertige Instrument hatte eine Gruppe aus Groß-Zimmern vor zwei Wochen dort besichtigt (wir haben berichtet). Seitdem wurde es abgebaut und Stück für Stück verpackt. Den großen Speditionslaster hatten die Mitarbeiter bereits am Freitag acht Stunden lang beladen. Das Gewicht des Materials schätzt Planer Hans Hix auf rund 6 000 Kilogramm. Gemeinsam mit Dekan Rauch und einem Dutzend Unterstützer des Orgelfördervereins begrüßt er die Gäste aus Bautzen, zum Empfang gibt’s neben dem Geläut auch Kaffee und Kuchen. Doch den lassen die Herren zunächst liegen. Ebenso wie die Helfer wollen sie möglichst schnell den Lkw leeren.

Etwa drei Wochen werden die Kunsthandwerker für den Aufbau der Orgel benötigen. Danach kommt ein weiteres Team, das die Intonierung übernimmt, also den Pfeifen die richtigen Töne beibringt. Zunächst wird das Kircheninnere besichtigt. Über den engen Rundaufgang im Turm kann kaum etwas transportiert werden. Deshalb hat Hix vor der Empore ein Gerüst stellen lassen, über das mittels Flaschenzug 500 Kilo schwere Lasten nach oben gehievt werden können. „Wir brauchen einen zweiten Bock“, sagt Orgelbauer Friedemann Birke. Für Problematisch hält er weniger das Gewicht. Aber Birke weiß, dass es sicherer ist, die empfindlichen, sperrigen Teile über zwei Winden nach oben zu ziehen. Schließlich müssen sie frei schwebend durch den elf Meter hohen Kirchenraum befördert werden. Kein Problem für Hix. Er telefoniert und wenige Stunden später steht das zweite Gerüst.

In der Kirche werden die Bänke zur Seite gerückt, um Platz für die vielen Orgelteile zu schaffen.

Der Zimmerner Bauingenieur unterstützt die Kirchenarbeiten seit 25 Jahren, „mit besonderer bischöflicher Genehmigung darf ich hier unentgeldlich arbeiten, und ich tue das gerne“, sagt er und ergänzt: „So ein Projekt habe ich natürlich noch nie gehabt. Ich bin unheimlich aufgeregt!“ Eigentlich habe er die Aktion anfangs nicht befürwortet. „Ich war der Meinung, ein digitales Instrument wäre gut genug“. Doch inzwischen ist er überzeugt, dass die Restaurierung und Erneuerung die richtige Lösung war. „Ich habe gesehen, wie die in Bautzen arbeiten. Da passt jedes Teil. Ich bin total begeistert von dem Handwerk“, schwärmt er.

Im Vorfeld hatte sich Hix mit der Statik der Empore beschäftigt. Die alten Holzbalken wurden entfernt und durch Stahlträger ersetzt. Der Bau ist jetzt sicher und trägt zusätzlich das Gewicht von über 50 Personen, „wenn mal ein großer Chor singt“, sagt Hix. Die Fenster wurden überholt, Kaputtes ergänzt und die Elektrik neu verlegt. Für die Sanierung der Empore waren vom Bischöflichen Ordinariat bis zu 70 000 Euro eingeplant. Wenn die Orgel steht, wird die Firma Göbel noch vor der Intonierung auf der Empore einen Parkettfußboden verlegen.

Obwohl schon viel Platz frei geräumt ist, reicht es nicht für die Orgelteile und das viele Werkzeug. Kurzentschlossen packen alle mit an, schieben Kirchenbänke und Utensilien zusammen, die Seitenbänke werden schützend abgedeckt.

„Dadrauf könnt ihr größere Teile zwischenlagern“, bietet Pfarrer Rauch nicht ganz ohne Sorge um das Mobiliar an und Birke sagt erleichtert: „Das ist prima. Die Metallpfeifen sind nämlich in Holzkisten verpackt, die gleich wieder mit dem Lkw zurück müssen.“ Im leergeräumten Eingangsbereich wachen die Heiligen Antonius und Franziskus wohlwollend über Schachteln und Kisten. Dann geht es ans Entladen.

Unermüdlich schuften Helmut Kriha (li.), die indischen Schwestern und viele weitere Helfer.

Auf Rollwagen werden schwere Teile über Rampen gezogen, vor dem Laster stehen Helfer bereit, die Pakete ins Gotteshaus tragen wollen. Mit besonderem Eifer sind die vier indischen Schwestern dabei. „Das geht nicht, da müssen Männer ran!“, werden sie immer wieder gebremst. Doch den Frauen ist keine Last zu schwer. Gut gelaunt und glücklich, helfen zu können, schweben sie in ihren Saris mit Orgelpfeifen auf den Schultern regelrecht ins Gotteshaus. „Wir sind hier alle so aufgeregt“, meint auch Barbara Wörtche. Vorfreude und Spannung seien einzigartig, findet sie und kann es kaum erwarten, den Klang des Instruments zu hören. Doch damit muss sie sich noch bis Ende September gedulden. „Als Chorleiterin bin ich auch sehr gespannt darauf, wie der Platz oben auf der Empore sein wird“, sagt sie, nimmt sich aber kaum Zeit zum Reden. Ebenso wie Wörtche helfen einige Organisten, Sänger, Bläser und Kantoren beim Tragen. Hauptorganist in der katholischen Kirche ist ihr Ehemann, Klaus Wörtche. Aber auch sein protestantischer Kollege, Charly Herzbach, packt mit an. „Und wir haben einiges an Nachwuchs“, berichtet die Chorleiterin zufrieden. Finja Fiedler (17) und Paul Röschner (16) stehen nach ihrer Ausbildung in Mainz vor der Organistenprüfung, der 14-jährige Max Felgenwinter lernt in der evangelischen Kirche. „Das ist hier ja wie bei den Bienen“, scherzt sie dann angesichts des fleißigen Treibens. „Nicht ganz“, mischt sich Manfred Maiwald vom Orgelbauförderverein ein. Der passionierte Imker korrigiert: „Im Bienenstock weiß jeder ganz genau, was zu tun ist.“

Auf der „Baustelle-Kirche“ gibt Birke den Ton an. Eigentlich war bei der Firma Eule ein anderer Orgelbauer für Zimmern zuständig, „aber er hat sich leider kürzlich bei unserem Projekt in China verletzt und ist jetzt in Reha“, berichtet Birke. Stolz sind die Mitarbeiter auf die Orgel, die sie im neuen Konzertsaal in Peking für rund 1 000 Zuhörer eingebaut haben. Das Instrument kostete rund 1,3 Millionen Euro und war mit 63 Registern und 4 083 Pfeifen rund 14 Tonnen schwer. Im Vergleich dazu ist die Zimmerner Orgel mit rund 20 Registern ein Klacks. „Das Besondere hier ist wohl das in der Mitte geteilte Prospekt. Zwei baugleiche Teile kommen links und rechts neben das Fenster. Auf der einen Seite ist der Spieltisch und auf der anderen die Mechanik“, erklärt er.

Windlade und Zierhölzer liegen auf und zwischen großen Kisten. Die meisten verpackten Stücke sind beschriftet. Andere Teile, wie die unzähligen Wellenbretter, die Kanthölzern mit Abstandshaltern ähneln, liegen lose und ohne Markierung da. Bei so vielen Einzelteilen nicht durcheinander zu kommen, ist für die Arbeiter aus Sachsen eine große Herausforderung. „Es ist meines Wissens aber noch nie vorgekommen, dass etwas übrig blieb“, sagt Orgelbauer Karl-Heinz Hermann und ergänzt: „Wir kennen die Orgel inzwischen so gut, dass wir die Beschriftung nicht mehr bräuchten“. Beeindruckt ist er von der Registertraktur des Zimmerner Instumentes. „Da muss der Kantor noch alles mit der Hand machen“, beschreibt er die spezielle Anforderung.

„Vorsicht, jetzt kommt ein lackiertes Teil!“, ruft sein Kollege Paul Schröer vom Laster herunter. Er freut sich über die Vielzahl an Helfern. „So etwas kommt echt selten vor. Damit hatten wir gar nicht gerechnet“, sagt er voller Respekt.

Dass die alten, einst grauen Pfeifen von 1908 frisch gestrichen und restauriert sind, gefällt Herzberg sehr. „Mit zwölf Jahren habe ich angefangen Orgel zu spielen“, erzählt er. Seit 57 Jahren ist er dabei. Er ist so gespannt auf die Töne, dass er es nicht abwarten kann. Ein tiefes Einatmen und Herzberg bläst in die Öffnung einer Pfeife, die über den Bänken liegt. Ein warmer, tiefer Ton erfüllt die Kirche. Das Experiment führt zu einem Pfeifenträger-Stau, aber allen hat es gut gefallen.

Der Kassenwart des Fördervereins, Helmut Kriha, räumt fast pausenlos Kisten vom LKW. Die Sonne strahlt auf das Dach über der Ladefläche, hier herrscht Treibhaushitze. „Ich kann es kaum glauben! Ich hätte nie gedacht, dass wir es in der Zeit hinkriegen“, sagt Kriha erleichtert und meint sowohl die pünktliche Ankunft der Orgel als auch das Ergebnis der Spendenaktionen.

Der Kassenwart hat über alle Gaben genau Statistik geführt und seitenweise Exel-Tabellen gefüllt. „Das hier ist der Lohn für sieben Jahre sammeln- – und es reicht!“, ergänzt Kriha. Damit bezieht er sich sowohl auf die Finanzierung als auch auf die eigenen Kräfte.

Obwohl die Zahlen noch nicht abschließend feststehen und größere, zugesagte Beträge noch nicht eingegangen sind, ist auch der Vorsitzende des Fördervereins Manfred Göbel sehr optimistisch. „Es ist gut, wenn jetzt alle noch etwas drauflegen, aber wir kriegen es hin. Ich gehe davon aus, dass alles abbezahlt ist, wenn der erste Ton erklingt. Aber wenn die Orgel steht, ist bei uns wohl endgültig die Luft raus.“

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