Großes Interesse an Flüchtlingsthemen

Viele bleiben auf der Strecke

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Das ehemalige Restaurant „Georgi“ in der Bahnhofstraße wird zur Flüchtlingsunterkunft umgebaut. Im April sollen die Ersten einziehen.

Groß-Zimmern - „Wer kümmert sich eigentlich um die Flüchtlinge?“ Das war die zentrale Frage bei der Veranstaltung am Dienstag im Glöckelchen. Die Gemeinde Groß-Zimmern muss in diesem Jahr mindestens 66 weitere Asylbewerber aufnehmen. Von Gudrun Fritsch

Bürgermeister Achim Grimm hatte mit dem Landkreis, Flüchtlingsorganisationen und dem Investor einer neuen Sammelunterkunft eingeladen und rund 100 Bürger kamen. Nach der einer Einführung von Bürgermeister Grimm wandte sich der katholische Pfarrer und Dekan Christian Rauch an die Menschen. Er berichtete von einer Fortbildung zur Traumaberatung. Durch extreme Gewalt und lebensbedrohliche Situationen seien bis zu 80 Prozent der Ankommenden traumatisiert. „Und viele, besonders Frauen, bleiben auf der Strecke. Wir müssen diesen Teufelskreis durchbrechen“, forderte Rauch.

Die Erste Kreisbeigeordnete Rosemarie Lück schilderte in einem ausführlichen Vortrag die Lage in Hessen und im Landkreis. Groß-Zimmern müsse gemäß dem Bevölkerungsanteil fünf Prozent der dem Landkreis Darmstadt-Dieburg zugewiesenen Flüchtlinge aufnehmen, erklärte sie. Am Jahresende wohnten 66 Flüchtlinge im Ort, 32 von ihnen in vom Kreis angemieteten Wohnungen. Aktuell sei ein Betreibervertrag mit dem Eigentümer der ehemaligen Gaststätte „Georgi“ in der Bahnhofstraße geschlossen worden. Nach dem Umbau des Anwesens könnten hier bis zu 51 Menschen wohnen. Lück informierte auch über bestehende Asyl-Arbeitskreise sowie Ansprechpartner und Broschüren. „Seit September ist der Hausmeisterdienst der AWO-Integis für einen Teil der Gemeinschaftsunterkünfte verantwortlich und im Januar wurde der Sozialkritische Arbeitskreis mit der sozialen Betreuung der Flüchtlinge beauftragt. Noch bevor Investor Willi Hartmann die Umbaupläne erläutern konnte, wurden Fragen gestellt. „Wer ist denn verantwortlich?“, lautete die zentrale Frage.

Flüchtlinge können nicht im Stich gelassen werden

Alle betonten vorab, dass sie nichts gegen die Aufnahme von Flüchtlingen hätten. Unangenehme Bilder aus der Vergangenheit wurden zitiert, als sich etwa vor der damaligen Unterkunft in der Röntgenstraße der Müll sammelte. Auch psychologisch sei Hilfe wichtig, man könne die traumatisierten Menschen doch nicht sich selbst überlassen, so der Tenor. „Wir kommen unserer Betreuungspflicht nach“, betonte Thomas Koch, Leiter des Kreisflüchtlingsamtes. Allerdings sei eine 24-Stunden-Bereitschaft nicht bezahlbar. Viel könne jedoch durch ehrenamtlichen und nachbarschaftlichen Kontakt erreicht werden. Ein Anwohner der Bahnhofstraße meinte: „Ich finde es gut, dass Menschen einziehen. In der ganzen Straße wohnen jetzt wohl nur zehn Personen.“ Sein Vermieter hingegen äußerte die Befürchtung, dass sich der Wert angrenzender Immobilien verringern und sich keine neuen Mieter finden ließen.

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Zu diesem Thema erklärte Kreispressesprecher Frank Horneff gestern: „Weder aus Messel noch aus Groß-Bieberau, aus Kommunen also, in denen ebenfalls innerorts Menschen in größeren Einheiten untergebracht sind, erreichten uns Klagen oder Befürchtungen darüber, dass Grundstücke und Häuser durch die Nähe von Asylbewerberunterkünften im Wert gemindert werden könnten.“ Folglich gebe es auch keine Bewertungen dazu.

Dass es für die Integration förderlich wäre, wenn die Flüchtlinge auf den Ort verteilt wohnen könnten, darin war man sich einig. Allerdings seien 51 Personen nicht zu viel und man könne davon ausgehen, dass die Unterkunft meistens nicht voll belegt sein werde, so Koch. Zudem habe man mit Einrichtungen in zentraler Ortslage sehr positive Erfahrungen gemacht. Auch „diffuse Ängste vor den Unbekannten“ wolle man durchaus ernst nehmen. Hier sei allerdings der direkte Umgang mit den Flüchtlingen das beste Mittel, betonte Jugendpfleger Tom Hicking und beschrieb das Vorgehen des Arbeitskreises (wir haben berichtet) sowie das Sozialkaufhaus im Jugendzentrum.

Auf die Frage nach den Auswahlkriterien bei der Zuweisung von Flüchtlingen antwortete Lück: „Man sieht zunächst, ob es bereits Angehörige hier gibt. Außerdem versuchen wir möglichst Menschen aus gleichen Herkunftsländer zusammen zu bringen, die sich auch sprachlich verständigen können.“ Sprache sei überhaupt ein sehr wichtiger Schlüssel, meldete sich Elisabeth Glaser zu Wort. Gemeinsam mit anderen Ehrenamtlichen leitet sie Deutschkurse. „Es sind sehr freundliche Menschen und sie haben eine Chance verdient“, so Glaser. „Und Ängste haben nicht nur wir, sondern auch diese Menschen, die vollkommen fremd und ohne alles hier ankommen.“ Neben den Schilderungen anderer Ehrenamtlicher, die ihren Kontakt mit den Flüchtlingen in Zimmern durchweg als positiv schilderten, lieferte sie nach rund zwei Stunden die Vorlage für Hickings Schlussplädoyer. „Ich bin unter anderem auch als Hauptamtlicher vor Ort im Einsatz und man kann mich im Notfall immer bis 23 Uhr anrufen“, beruhigte der Pädagoge die Gemüter. Zudem biete er im Jugendzentrum donnerstags von 14 bis 23 Uhr eine Sozialsprechstunde an.

Er lobte den Einsatz der rund 30 Ehrenamtlichen, warb für Mitarbeit und beschrieb: „Wir wollen eine Willkommenskultur schaffen und erreichen, dass sich Anwohner und Flüchtlinge an die Hand nehmen, um gemeinsam ein Fest zu feiern.

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