Interview: Anke Richter ist begeistert von der Nachbarschaft mit Flüchtlingen

„Besonders wichtig ist, dass man einander vertraut“

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Das erste Fest in der Bahnstraße war ein Riesenerfolg.

Groß-Zimmern - Seit April leben gut 50 Flüchtlinge in der ehemaligen Gaststätte „Georgis“ in der Bahnstraße. Redakteurin Gudrun Fritsch sprach mit den früheren Inhabern Anke und Klaus Richter, die bis heute direkte Nachbarn der Flüchtlinge sind.

Frau Richter, wie kam es, dass aus dem Restaurant eine Flüchtlingsunterkunft entstanden ist?

Unsere Kinder wollten das Restaurant nicht übernehmen. Seit 12 Jahren wohnen wir schon im barrierefreien Häuschen nebenan. Beim Verkauf der recht großen Immobilie war uns daran gelegen, dass sie für Flüchtlinge genutzt wird. Aber wir sind 72 und 76 Jahre alt, da wollten wir uns eigentlich nicht noch mit dem Umbau beschäftigen. Nachdem wir erfahren hatten, dass der Kreis nicht als Käufer in Frage kommt, hatten wir allerdings schon einen Architekten beauftragt. Sehr erleichtert waren wir dann, dass Willi Hartmann das Haus kaufte und den Umbau so zügig umsetzte. Sonst hätten wir es nämlich noch selber gemacht.

Wieso wollten Sie eine Unterkunft für Flüchtlinge anbieten?

Ich bin 1943 geboren. 1945 sind wir mit meiner Mutter aus Schlesien geflohen und nach Hamburg gekommen. Mein Mann hat eine ähnliche Geschichte. Auch wenn ich an die Flucht keine eigenen Erinnerungen habe, hat mich das doch sehr geprägt. Außerdem liegt das Haus hier ideal. Es ist zentral und die Grüne Mitte in der Nähe bietet auch für Kinder viel Freiraum.

Hatten Sie keine Bedenken, dass es zu laut werden könnte?

Nein. Für uns stand fest, dass wir hierbleiben. Und es ist sogar erstaunlich ruhig. Wir hören höchstens mal ein Lachen. Wenn wir nicht wollen, hören wir gar nichts. Aber ich mag unsere Nachbarn sehr und gehe oft rüber. Für mich ist es eine totale Bereicherung. Oft tauschen wir Essen oder Kuchen aus. Die Menschen wollen nur in Ruhe und Frieden leben. Ich glaube, viele hier wissen gar nicht, was für ein Glück sie haben, dass seit über 70 Jahren kein Krieg herrscht. Hoffentlich bleibt das auch so. Und die Flüchtlinge sind sehr gut betreut. Fast immer ist jemand vom Arbeitskreis da, die Sozialarbeiterin ist sehr engagiert und der Hausmeister hilft überall aus. Gleich in den ersten Tagen gab es im Haus mal einen Stromausfall. Da haben wir hier bei uns im Garten alle zusammen gegessen. Wir hatten noch reichlich Nudelsoße mit Putenfleisch. Ein einschneidendes Erlebnis für mich war, dass die Menschen so viel Vertrauen haben. Auch diejenigen, die kein Schweinefleisch essen, aßen mit viel Appetit. Ich glaube, dass es besonders wichtig ist, dass man einander vertraut.

Wie reden Sie miteinander?

Ich bin selber erstaunt, wie viel von meinem Schulenglisch noch vorhanden ist. Aber, wenn man will, funktioniert die Verständigung auch ohne große Sprachkenntnisse. Immerhin leben hier Menschen aus rund zehn unterschiedlichen Nationen auf engstem Raum. Es ist erstaunlich, wie gut das geht. Ich hatte es mir nicht so schön vorgestellt. Auch die anderen Nachbarn sind positiv beeindruckt. Ich bin gerührt, wenn mir die Leute im Ort begegnen. Sie sind alle sehr höflich, grüßen auf Deutsch und nennen uns Mama und Papa. Ich kann allen nur empfehlen, sich auch zu engagieren. Für mich war es die richtige Entscheidung.

Konnten Sie denn so einfach mit dem Restaurant abschließen?

Ich konnte schon immer gut abschließen.

Klaus Richter: Am Anfang hatte ich etwas Wehmut. 40 Jahre lang waren wir eine Institution. Die Küche ist für mich Beruf und Hobby zugleich. Aber es geht eben nicht mehr. Jetzt ist es gut so. Die Umgestaltung war eine gemeinsame Entscheidung.

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