Erzählnachmittag über das Kriegsende vor 70 Jahren

Etliche bleiben nach Kriegsende im Ort

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Zeitzeugen im Gespräch mit dem Zimmerner Heimatforscher Dr. Manfred Göbel.

Groß-Zimmern - „Es war der Ohle Karl“, weiß Lothar Danz. Es geht um den Groß-Zimmerner, der „den Amis“ am Palmsonntag 1945 mit der weißen Fahne auf dem Ober-Ramstädter Weg entgegen gelaufen ist.

Und eine Zeitzeugin erinnert sich, dass in einem Fenster „eine große weiße Unterhose“ zum Zeichen der friedlichen Übergabe hing. Das sorgt für gewisse Heiterkeit unter den 25 Besuchern im Gewölbekeller des Kulturzentrums Glöckelchen, die der Einladung von Heimatforscher Dr. Manfred Göbel zum Erinnern an das Kriegsende vor 70 Jahren gefolgt sind. Ganz so friedlich, wie das viele Weiß signalisiert, ging es dann doch nicht ab im Ort. Insgesamt waren vier Tote zu verzeichnen. „Der Volkssturm lag im Gemeindewald, an der Waldeslust, und schoss mit einer Vierer-Flak Richtung Amis“, erinnert sich Danz. Da haben die Amis einmal zurückgeschossen, und das Ding war Schrott.“ Zwei Angehörige des Volkssturms wurden so schwer verletzt, dass sie wenige Tage später im Klein-Zimmerner Lazarett verstarben. Zu Tode kamen auch zwei Insassen eines Autos aus Schlüchtern, als sie zu dieser Zeit gerade Zimmern passieren wollten. „Ein Missverständnis“, weiß Göbel, auf dessen Grundlage amerikanische Soldaten zwei MG-Garben aufs Fahrzeug abfeuerten.

Göbel bezieht sich auf eine ganze Serie von Artikeln im Lokal-Anzeiger, ebenfalls Erinnerungen, viele davon vor etlichen Jahren aufgezeichnet vom Heimatforscher-Kollegen Karl Rupp. Explosionen wurden am Morgen dieses 25. März aus Dieburg vernommen. Dort - im Fechenbach-Museum - ist derzeit eine Sonderausstellung zum Kriegsende zu sehen, in der Personen- und Gebäudeschäden an der Wallfahrtskirche dokumentiert sind. Die Zimmerner Zeitzeugen sind sich aber sicher, dass es die Stadtkirche getroffen hat, und Danz erklärt das damit, dass sich der Volkssturm damals auch in einigen Kellern nahe der Brückenmühle verschanzt hatte. „Beides ist richtig“, erklärt Ulrike Posselt von der Dieburger Stadtkommunikation auf Nachfrage des LA.

Schützengraben am Friedhof

Weitere Erinnerungen sind an die Requirierung von Möbeln für die Besatzungs-Verwaltung im Glöckelchen und in der Villa Grün geknüpft, an die Großküche unter Zeltfächern in „Schlackenhausen“ an die Abfallwirtschaft der Besatzer. „Der Müll wurde in eine Grube am Friedhof geschüttet, dort, wo jetzt der Parkplatz ist“, erzählt Danz. Dort hatten zuvor Zwangsarbeiter einen Schützengraben ausheben müssen.“ Aber zum Glück hat ja fast niemand Zimmern verteidigen wollen, und die Nazis waren vorher fast alle abgehauen. Von manchen hat man dann nie wieder was gehört, ein im Ort gebliebener NS-Anhänger (Danz: „Den Namen sag ich jetzt nicht…“) wurde von der neuen Macht allerdings dazu gezwungen, das Hakenkreuz aus einem Denkmal im alten Friedhof herauszumeißeln. Und einen Moment der Rache gab es wohl auch in Klein-Zimmern, wo die Zwangsarbeiter von den Besatzern nicht am Plündern gehindert wurden.

Die Zwangsarbeiter: Anschaulich weiß Heimatforscher Heinz-Adolf Renkel über sie zu berichten, denn er hat die Geschichte des Klein-Zimmerner Lazaretts aufgearbeitet. Er weiß auch, wie sehr die Ankunft der amerikanischen Armee als Befreiung empfunden worden ist. Und er weiß, dass manche der Befreiten dennoch nicht nach Hause wollten, manche Polen beispielsweise, denen ein Weiterleben hier attraktiver erschien als die Rückkehr in eine Heimat, die möglicherweise Teil der Sowjetunion bleiben würde. Und die Deutschen, wie haben sie den Einmarsch empfunden? Auch als Befreiung, wie Richard von Weizsäcker dies in seiner großen Rede vor dem Bundestag thematisiert hat? „Ja, als Befreiung“, bestätigt Danz, „denn die Nazis waren weg. Wie die das empfunden haben, weiß ich allerdings nicht“, schließt er mit einem verschmitztem Grinsen.

sr

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