Alternative zur Armut:  Manfred Göbel schildert Gründe und Ereignisse 

Jahrestag der Auswanderung: Für 71 Gulden nach Nordamerika

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Die Einwanderer-Listen wurden in New York von Staatsdienern erstellt, die nicht unbedingt des Deutschen mächtig waren. So findet sich darauf ein Gabel, der sicher ein Göbel war. Manfred Göbel sinnierte: „Vielleicht bin ich ja mit Clark Gable verwandt.“

Groß-Zimmern - Wieviel sind einer Gemeinde ihre Bürger wert? Das kann man auch daran ablesen, wie viel sie es sich kosten lässt, sie loszuwerden. 71 Gulden – das war 1846 der Pro-Kopf-Preis für den Transport von 672 Auswanderern aus Groß-Zimmern nach Amerika. Von Klaus Holdefehr 

Treffpunkt vor der Abfahrt war seinerzeit am Platz vor der Kirche..

Viele Begebenheiten aus der Zeit vor 170 Jahren beschrieb Manfred Göbel am Sonntag im Kulturzentrum Glöckelchen.  Die von sozial- und haushaltspolitischen Überlegungen getragene Investition zeigte allerdings nicht in vollem Umfang die gewünschte Wirkung, und es dauerte mehr als ein halbes Jahrhundert, bis sich das Dorf an der Gersprenz von diesem Bevölkerungsschwund erholt hatte. Und auch dass weitere 55 Gemeinden in Hessen ähnlich verfuhren und sich ihrer Armen entledigten, konnte die Revolution von 1848 nicht verhindern. Am 31. Juli 1846 startete mit 41 Leiterwagen der erste Treck aus Groß-Zimmern nach Gernsheim, wo die Auswanderer zunächst auf Fluss-Schiffe umstiegen.

Den 170. Jahrestag nahm Heimatforscher Manfred Göbel zum Anlass, am Sonntag gut 70 Besuchern im Kulturzentrum Glöckelchen Gründe, Verlauf und öffentliche Diskussion der Aktion zu schildern. Es waren auch Besucher aus Roßdorf, Groß-Umstadt und Schaafheim im Publikum, denn auch dort schien seinerzeit die Auswanderung eine Alternative zur Armut. In den Köpfen der Entscheider, von der Landesregierung bis hinunter zu den Gemeinderäten, steckte die Bevölkerungstheorie eines Thomas Robert Malthus, nach der sich die menschliche Spezies schneller vermehrt als ihre Unterhaltsmittel wachsen. Daraus resultiert: Sozialen Problemen kann gegengesteuert werden, indem man die Zahl der Armen reduziert.

„Ab nach Amerika“ war eine Möglichkeit, die zudem von der Zielgruppe sehr positiv als „Auf nach Amerika“ aufgegriffen wurde. Der wichtigste deutsche Ausschiffungshafen war damals Bremerhaven, und so kam Göbel wie selbstverständlich auch auf die Bremer Stadtmusikanten zu sprechen, deren Mantra „Etwas Besseres als den Tod werden wir überall finden“ ja auch das Leitmotiv der Auswanderer gewesen sei. Der Weg der Groß-Zimmerner führte allerdings zunächst rheinabwärts nach Rotterdam. Aus welcher Situation kamen sie? Missernten, Teuerung und mangelnde Beschäftigungsmöglichkeiten waren die Voraussetzungen für eine weitverbreitete Armut, aus der heraus es wiederum nicht selten zu Delikten kam, die als Mundraub gelten könnten.

Die Gemeinde suchte sich mit dem Tauschangebot von Strafbefreiung gegen Auswanderung auch ihrer „Kriminellen“ zu entledigen. 42 der 672 Amerika-Auswanderer sind auf diesem Ticket gereist. 672 Menschen - das war damals ungefähr ein Viertel der Groß-Zimmerner Bevölkerung. Die Hälfte war jünger als 15 Jahre. So unorthodox diese Variante der Sozialpolitik war, so „deutsch“ war ihre Organisation: Wer weg wollte, musste einen Antrag stellen, wurde namentlich ausgeschrieben, musste offene Forderungen begleichen oder Verzichtserklärungen der Gläubiger beibringen. Erst dann wurde er aus der hessischen Staatsbürgerschaft entlassen.

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Trotz solcher Hürden kamen so viele Ausreisewillige zusammen, dass zwei Trecks nach Gernsheim starteten – ein zweiter eine Woche nach dem ersten. Der erste Teil der Reise muss ganz angenehm gewesen sein, den Rhein hinunter nach Rotterdam und über den Ärmelkanal hinüber nach London. Besonders übel wurde die Überfahrt von Liverpool nach New York, auf fünf Handelsschiffen mit Zwischendecks und unzureichendem Proviant. Und am Ziel war nichts vorbereitet, so dass die allermeisten der Ankömmlinge zunächst im Armenhaus landeten und die New Yorker Bevölkerung sich zu einer Eingabe an den Kongress veranlasst sah, wegen der Masse der Armen und Kriminellen, die da als Zuwanderer ins Land kamen.

Die Nachrichten erreichten auch Deutschland und lösten eine öffentliche Diskussion über diese Art der Sozialpolitik aus. Gleichwohl verlieren sich in der Folge die Nachrichten aus der neuen Welt, und Göbel wertet das als Indiz, dass die allermeisten Auswanderer bald ein Auskommen gefunden haben. Manch heimischer Brauch blieb aber zunächst erhalten. Es ist überliefert, dass in New York Zimm’ner Kerb gefeiert wurde – was vor einigen Jahren für die Zimmerner Kerbikone Thomas Beutel Anlass war, beim hiesigen Fest als Freiheitsstatue aufzutreten.

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