„Wir waren erleichtert, das Grauen war vorüber“

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Groß-Zimmern - Längst hatte sich die Gewalt des Krieges 1944/45 auf das Land zurückgewandt, von dem sie ausgegangen war. Noch in lebhafter Erinnerung ist Hilde Konrad, geboren 1930 in Groß-Zimmern, die September-Nacht, als das alte Darmstadt im Bombenhagel unterging.

Tagelang war der Horizont Richtung Darmstadt von den Brandflammen rot gefärbt und der Gestank lag in der Luft. Die Überlebenden aus Darmstadt, die in Groß-Zimmern Zuflucht fanden, waren gezeichnet vom Unglück, das sie erlebt und durchlitten hatten. „An ihnen hing über Wochen ein beißender Brandgeruch“, erinnert sich Konrad. „Besonders in Acht nehmen musste man sich in den Tagen vor Ende des Krieges vor den Tieffliegern.“ Der Blick der Zeitzeugin wird bei diesen Erinnerungen sehr ernst, als würde die damalige Angst sich heute noch in den Augen widerspiegeln. Die Tiefflieger kündigten das Herannahen der alliierten Truppen an. Immer wieder zu allen Tageszeiten gab es Alarm, der vor den pfeilschnell herannahenden Tieffliegern warnte. Mit wendigen Militärflugzeugen wurde aus der Luft auf alles geschossen, was sich bewegte, um den letzten Widerstand zu brechen.

An Palmsonntag war alles vorbei

Am frühen Morgen des 25. März 1945 war der 2. Weltkrieg auch für Groß-Zimmern vorüber. Es war der Palmsonntag. „Meine Mutter war noch in der Frühmesse in der katholischen Kirche“, berichtet Hilde Konrad. „Ich selbst habe mich gerade für das Hochamt fertig gemacht.“ Sie freute sich auf diesen Palmsonntag besonders, denn „wir hatten mit der Jugend für diesen Tag eigens ein neues Lied geprobt, das an diesem Morgen zur Aufführung kommen sollte“. Daraus wurde jedoch nichts, denn die Amerikaner nahmen an diesem Tag Groß-Zimmern ein. Die amerikanischen Truppen bewegten sich vom Bahnübergang her nach Schlackenhausen. Die Klappläden vieler Häuser wurden ausgestellt und in aller Eile wurden weiße Betttücher nach draußen gehängt. Widerstand gegen die herannahenden Truppen gab es in diesem Bereich des Ortes eher nicht. In der Ortsmitte war es allerdings zu einer Schießerei gekommen, bei der wohl auch Menschen verletzt wurden oder sogar zu Tode kamen, weil sie nicht den Anweisungen der Siegermacht Folge geleistet hatten. Nach dem Einmarsch der amerikanischen Fußtruppen rollte ein Panzerverband vor. Einer hielt vor dem Haus Reinheimer Straße 78. Die Besatzung konnte von der Ausstiegsluke direkt ins Fenster des ersten Stockes gelangen; so mächtig waren die Kriegsfahrzeuge der Alliierten.

Soldaten erwiesen sich als freundlich und zurückhaltend

Die Soldaten inspizierten die Häuser. „Zwei Soldaten kamen auch in unser Haus und vergewisserten sich, dass von den Bewohnern keine Gefahr ausging“, erzählt Hilde Konrad. Sie war damals 14 Jahre alt und beherrschte einige Brocken der englischen Sprache. So konnte sie ein wenig zwischen den Eltern und den Soldaten Übersetzen. „Thats my mother and thats my father“. Sie erinnert sich, dass damals in der Küche ein Kasten stand; in dem waren gerade frisch geschlüpfte Küken. Das fand das Interesse der Amerikaner und berührte wohl in den jungen Soldaten eigene heimatliche Erinnerungen.

„Natürlich waren wir alle aufgeregt“, aber an ein Gefühl der Angst kann sie sich nicht erinnern. Die Soldaten erwiesen sich als freundlich und zurückhaltend. „Feine Leute, hat meine Mutter gesagt“, erinnert sich die Seniorin. „Letztlich waren wir alle doch eher erleichtert, dass das Grauen nun endlich vorüber war“, meint sie abschließend und lächelt spürbar gelassen.

(guf)

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