Kraftakt: Der Jahrgang 1946/47 trug vor 50 Jahren die Kerb aus

Goldene schwärmen von Puppe „Luna“

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Groß-Zimmern - An ihre Abholung als Kerbmädchen 1966 erinnert sich Christel Thiem, geborene Pullmann, noch genau. In drei Wochen feiert sie mit dem Jahrgang ihre Goldene Kerb. Von Ulrike Bernauer 

„Als die anderen am Samstag unterwegs waren, habe ich mit meinen neuen Schuhen das Herunterklettern von der Leiter geübt, damit ich dann am nächsten Tag durch die Schuhe keine Blasen an den Füßen bekomme“, sagt Christel Thiem schmunzelnd. Am Donnerstag trafen sich Thiem, Kerbborscht Karl Feix und der damalige Mundschenk Marwin Göbel mit unserer Mitarbeiterin Ulrike Bernauer, um noch einmal in Erinnerungen zu kramen. Die Drei, Kerbvadder Hans-Werner Wiedekind konnte den Termin leider nicht wahrnehmen, waren mit Erinnerungen und Fotoalbum bestens ausgestattet. 29 waren sie damals im Jahrgang 1946/47, davon sind inzwischen acht gestorben, fünf können an der Kerb 2016 nicht teilnehmen, die restlichen 15 Borschte und ihr Kerbmädchen freuen sich allerdings auf die Teilnahme in Gold. Die Vorbereitungen sind in vollem Gange, zusammen wollen sie auf einem Wagen mitfahren. Die Kerb 1966 war etwas ganz Besonderes.

29 Kerbborschte feierten das Fest 1966 klassisch mit Binder und weißem Hemd.

Das Fest im Jahr davor war ausgefallen, weil sich nur sechs junge Männer gefunden hatten, die als Kerbborschte gehen wollten. Das reichte nicht für die große Aufgabe, die das Ausrichten der Kerb damals für die Männer bedeutete. „Wir haben alles alleine gemacht“, erinnert sich Feix. „Vom Engagement der Gruppe bis zum Schmücken des Kaiserhofs, bis hin zum Schlagen der jungen Birken. Jede Gastwirtschaft und jeder Kerbborscht bekam eine vor die Haustür gestellt. Sogar die Karten bei den Tanzveranstaltungen haben wir selbst kontrolliert.“ Bis nachts um 24 Uhr waren die Kerbborschte am Samstag angespannt.

Dann stand fest, dass sie über die Eintrittskarten so viel Geld eingenommen hatten, dass die Kapelle „Telstars“ bezahlt werden konnte. Der Jahrgang trug damals auch das ganze finanzielle Risiko. Die Feier fand hauptsächlich beim und im Kaiserhof statt. Dort hing auch der Kranz, einen Kerbbaum gab es noch nicht. Die Rede wurde ebenfalls hier gehalten und die Tanzveranstaltungen – drei davon gab es am Samstag, Sonntag und Montag im Kaisersaal – waren bestens besucht. Kräftig gefeiert wurde auch bei Richters und in der Goldenen Mitte. Natürlich waren auch die anderen Gaststätten sehr gut besucht und davon gab es Mitte der 60er Jahre noch viel mehr als heute. Das Fest begann erst am Samstag mit der Abholung der Kerbpuppe. Die fand schon damals am „Brückelchen“ statt. Der blau-weiße Jahrgang gestaltete das zu einer Show.

Bilder: Kerb in Groß-Zimmern

Luna hieß die Puppe. Sie war selbst gebastelt, hatte ein wenig herbe Gesichtszüge und das Wichtigste, sie kam aus dem Weltall. Deshalb trug sie anfänglich einen Astronautenhelm, merkwürdigerweise war ihr Vater ein Amerikaner aus der Muna und sie trank nur Bluna. Der Umzug hielt sich in einem sehr überschaubaren Rahmen. Vorneweg trabte ein Pony mit dem Kerbschild, dann kam der Wagen mit dem Dreigestirn, die Kerbborschte folgten und die Kapelle, die für alle drei Tage gebucht war, sorgte für passende Musik. „Die Pferde waren noch nie vor einer Kutsche gegangen“, erinnert sich Göbel. „Die mussten dann geführt werden.“ Diesem kleinen Umzug können die Goldenen auch heute noch etwas abgewinnen: „Das war damals nicht so eine Fastnachtsveranstaltung wie heute.“

Die Kerb war, wenn auch viel kleiner, das Fest der Feste im Ort, so wie sie es heute immer noch ist. „Die Mädchen kauften sich neue Kleider und auch die Burschen staffierten sich aus“, erinnert sich Feix. Der Frühschoppen am Montag begann schon um 10 Uhr. Vorher frühstückte der Jahrgang allerdings beim Metzger Bach, der damals selber Kerbborscht war. „Wir konnten nicht so über die Stränge schlagen“, sagt Feix, „wir mussten doch einen klaren Kopf behalten, weil wie alles organisieren mussten.“

Bilder zum Abschluss der Kerb

So richtig auf ihre Kosten kamen die Kerbborschte erst am Dienstag, nachdem die Puppe verbrannt war. Das große Feuer war auch 1966 schon am Anglerheim. „Am Dienstagfrüh haben wir Stroh gesammelt und ans Anglerheim gebracht“, sagt Göbel. „Ich habe bei der Verbrennung sehr geweint“, gibt das Kerbmädchen zu und auf den Fotos kann man sehen, dass auch etliche der Männer Tränen in den Augen hatten. Aber erst nach der Verbrennung konnten sich alle entspannen und zum ersten Mal bei ihrer eigenen Kerb ausgelassen feiern. „Da war alles gut gelaufen und wir waren die Verantwortung los“, so Feix.

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