Begrüßung mit Wolkenbruch

Manche kommen der Liebe wegen nach Zimmern

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Stelldichein bei der Chorgemeinschaft: Unter einem großen Sonnenschirm, der auch als Regenschirm gute Dienste tat, begrüßte Bürgermeister Achim Grimm im Rahmen des „Jahrmarkts der Vereine“ rund 30 Zugezogene, die der Einladung zum Neubürgerempfang gefolgt waren.

Groß-Zimmern - Es schüttet in Strömen und die Menschen haben sich dahin geflüchtet, wo auf dem von Rinnsalen überzogenen „Roten Platz“ noch ein trockenes Plätzchen bleibt. Von Klaus Holdefehr

Am Stand der Chorgemeinschaft steht Bürgermeister Achim Grimm mit seinem Spickzettel und hätte gerne schon längst die rund 30 Menschen begrüßt, die der Einladung der Gemeinde zum Neubürgerempfang mit anschließendem Ortsrundgang gefolgt sind. Jetzt spendiert er erst einmal den feucht-fröhlichen Begrüßungstrunk, und das eröffnet Gelegenheit zum Gespräch. Die Gründe, die einen Menschen dazu bewegen, seinen Wohnsitz zu verlegen, sind vielschichtig und wurden in der aktuellen Debatte über Flucht und Flüchtlinge auch von vielen Seiten beleuchtet.

Binnenbewegungen innerhalb Deutschlands sind in der Regel weit weniger dramatisch, manchmal geradezu romantisch, etwa wenn der Beweggrund Liebe ist.

„Der Liebe wegen“ sei sie umgezogen, sagt Personalreferentin Elisabeth Herget (29). „Mein Freund lebt in Klein-Zimmern, und ihm war es wichtig, in der Region zu bleiben. Ich komme aus Ober-Ramstadt und mein Herz hängt nicht besonders daran. Groß-Zimmern hat mehr zu bieten. Hier gibt es beispielsweise eine ganze Bar-Rock-Nacht, dort maximal eine Bar. Das Leben in Groß-Zimmern ist bunter. Es war allerdings nicht einfach, den passenden Wohnraum zu finden. Wir haben im Oktober angefangen zu suchen, im Februar ist es dann was geworden.“

Buntes Groß-Zimmern? Das wird der Bürgermeister gerne lesen. Im Moment ist er damit beschäftigt, seine Spickzettel zu ordnen, um den „Neuen“ ein paar Hinweise zu ihrem Heimatort zu geben. Es sei „ein besonders Völkchen“, da am Fuß des Odenwalds, klingt es fast wie eine Warnung, insbesondere, als Grimm fortfährt: „Ein wenig eigensinnig, manchmal auch stur“.

Doch finde man auch immer wieder zusammen, und wenn ein Zimmerner einen Zugewanderten erst einmal ins Herz geschlossen habe, gebe es für diesen kaum noch ein Entrinnen. Dass die Kerb das größte und wichtigste Fest in Zimmern ist, gehört zum Allgemeingut, mit dem auch die frisch Zugezogenen schon vertraut scheinen.

Die jetzt auch schon wieder 41 Jahre alte Betonmoderne, die den Rathausplatz umgibt, ist dem Bürgermeister ebenfalls eine Erwähnung wert – die fast wie eine Entschuldigung klingt. Und die Behauptung, „dass die Dieburger unsere liebsten Nachbarn sind“, wird mit allgemeinem Gelächter quittiert – so weit ist die Integration schon fortgeschritten.

„Ich habe im Sauerland gelebt, und da kam ich mit den Leuten nicht so gut klar“, berichtet Astrid Obmann (52) und „auf dem Weg in die Frührente“. Mein Sohn war mit der Schule fertig und hat beschlossen, in Darmstadt sein Studium zu beginnen, und damit habe ich da oben wieder den Absprung geschafft. Ganz klar: Ich komm mit, habe ich gesagt. Ich habe dann gezielt was in Zimmern gesucht, denn im Umkreis von fünf Kilometern wohnen nicht nur meine Eltern, sondern meine Schwester und meine beiden größeren Kinder. Ich bin froh, dass ich wieder zurück bin.“ Sie hat sogar ihren Partner aus dem Düsseldorfer Raum mit hergelockt. Der arbeitet in der Krankenpflege und sagt, dass es hier einfacher war, einen passenden Job zu finden, „als in NRW“. Und generell: „Das Leben ist hier besser.“

Wieder so ein Satz, den Achim Grimm sicher gerne liest. Der formuliert abschließend das ultimative Integrations-Kriterium: Die richtige Aussprache von „Ouwerour“ (Ofenrohr), wahrlich eine Aufgabe, deren Lösung jahrelanger Übung bedarf. Inzwischen ist eine Monsunpause eingetreten, nun geht es aber aus Zeitgründen nicht mehr auf den geplanten Rundgang durch den alten Ortskern, oder das, was mit der Betonmoderne davon übrig geblieben ist, sondern des besseren Überblicks halber auf den Turm der nahe stehenden evangelischen Kirche.

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