Gespräch mit Sozialarbeiter Tom Hicking zum Thema „lernen für’s Leben“

Mehr Face-to-Face statt Facebook

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Jugendpfleger und Schulsozialarbeiter Tom Hicking.

Groß-Zimmern - Eine Abiturientin hatte bei Twitter kundgetan: Sie könne zwar eine Gedichtanalyse in vier Sprachen schreiben, habe aber keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Im Interview erzählt Sozialabeiter Tom Hicking, was Schule leisten muss. Von Gudrun Fritsch 

Schüler und Lehrer sind nicht selten uneins. Soll man in der Schule fürs Leben lernen? Wie nah dran am wirklichen Leben sollte der Unterricht sein?

Wir haben bei Jugendpfleger Tom Hicking nachgefragt, der mit jeweils fünf Wochenstunden als Sozialarbeiter in der Albert-Schweitzer- sowie der Schule im Angelgarten tätig ist.

Herr Hicking, glauben Sie, dass die Kinder und Jugendlichen zu wenig praxisnahe Dinge lernen?

Ich kann die Schulen hier nur in Schutz nehmen. Ich bin übrigens nicht alleine mit der Sozialarbeit. An der Albert-Schweitzer-Schule (ASS) ist Stefan Ehrenstamm ebenfalls mit fünf Wochenstunden im Einsatz. Und dass ich in der Zimmerner Schule im Angelgarten (SiA) bereits im Grundschulbereich tätig bin, hat zudem eine vorbeugende Funktion.

Wie sieht die Zusammenarbeit mit den Schulen in dieser Hinsicht aus?

Insgesamt finde auch ich, dass bei vollen Lehrplänen im Regelunterricht die Praxis zu kurz kommt. Leider wird das Fach Arbeitslehre nicht in allen Zweigen unterrichtet. Man kann froh sein, dass es in den achten Klassen noch die Pflichtpraktika gibt. In Kooperation mit der ASS führen wir in Zimmern beispielsweise in kleineren Gruppen eine Fahrradwerkstatt durch und bieten parallel einen Kochkurs an. Dabei müssen wir immer feststellen, dass es den jungen Leuten an einfachen Schlüsslefähigkeiten fehlt. Und das meine ich wörtlich, denn in der Werkstatt zeigt sich, dass viele nicht einmal mehr wissen, was ein Schlüssel ist.

Wie kann man das ändern?

Ich habe festgestellt, dass diejenigen, die im Jugendzentrum dabei waren, als Wände gestrichen und Tapeten geklebt wurden, das alles schnell gelernt haben. Die können solche Arbeiten bis heute selber machen und brauchen keinen Handwerker. Insgesamt ist einfach mehr Praxis nötig. Darauf wird auch bei den Ausbildungspaten Wert gelegt, denn diese Fähigkeiten werden auch bei Bewerbungen abgefragt.

Sehen Sie einen Unterschied zu Jugendlichen früherer Jahrgänge?

Nein. Die Jugendlichen sind heute eigentlich nicht anders und auch nicht dümmer, nur die Umstände haben sich geändert. Ihnen fehlen einfach die Gelegenheiten, denn oft wird zu viel ‘für’ sie getan. Lernen hat schließlich mit Versuch und Irrtum zu tun. Wenn die jungen Leute etwas wirklich wollen, dann schaffen sie es auch meistens. Viele sind einfach überbehütet und -versorgt. Man sollte sie weniger pampern.

Welche Rolle spielen die modernen Medien dabei?

Die ganzen technischen Geräte sind in erster Linie Ablenkung. Wichtig wäre mehr Face-to-Face-Kommunikation statt Facebook. Manche sind regelrecht süchtig. Gemeinsam mit den Schulen arbeiten wir an der Suchtprävention und bieten Konflikttraining an. Man muss den Jugendlichen helfen zu lernen, wo sie das finden, was sie tatsächlich brauchen. Dabei kann man sie mit Schubsern auf den richtigen Weg bringen. In der Pubertät fehlt eben oft die Motivation zum Lernen. Leider haben wir hier noch keine Produktionsschule. Ich finde dieses Modell eigentlich am effektivsten.

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