Serie: Menschen wie du und ich

Zurück im ersten Arbeitsmarkt

+
Menschen wie du und ich: Irmgard Hogrefe (63) hat viele Rückschläge weggesteckt und nun eine unbefristete Anstellung.

Groß-Zimmern - Weiblich, keine abgeschlossene Berufsausbildung, Kinderlücken in der Erwerbsbiografie und über 60 - da spricht der Arbeitsmarkt in Deutschland eine deutliche Sprache.

Die 63-jährige Irmgard Hogefe aus Groß-Zimmern hat mit vielk Energie gezeigt, das es auch anders geht. 

Es gibt diese Programme der kommunalen Beschäftigungsagenturen, die „Chance 50plus“ und ähnlich heißen und manchmal mehr Seniorenbespaßung als Wegweiser für ältere Menschen zurück in den erste Arbeitsmarkt sind. Irmgard Hogrefe ist mit einem Umweg über Kreta aus dem Kölner Raum nach Südhessen gekommen und hat im Landkreis Darmstadt-Dieburg an einem solchen Programm teilgenommen. allzu oft werden diese Programme aber zur organisierten Senioren-Bepaßung. Über 60, weiblich, ohne abgeschlossene Berufsausbildung und längere Zeit ohne Vollzeitjob - da spricht der Arbeitsmarkt in der Regel nämlich ein vernichtendes Urteil aus. Dass es für Hogrefe anders gekommen ist, hat viel mit ihrer Fähigkeit zur Selbstmotivation, mit Zähigkeit und Lebensmut zu tun. Seit September hat sie eine unbefristete Festanstellung als Hauswirtschafterin im Dieburger Konvikt und betreut dort eine Gruppe hoch begabter Schüler.

Als Küchenkraft gearbeitet

Vor etlichen Jahren hat sie als Küchenkraft „beim Bayer“ in Leverkusen gearbeitet, ihre letzte „normale“ Beschäftigung vor einem Strudel von Ereignissen, in dem sie sich zunächst auf das damals angesagte Konzept der „Ich-AG“ eingelassen und versucht hat, sich als Gesundheitsberaterin selbstständig zu machen. Das ging unter Hinterlassung eines beachtlichen Schuldenbergs schief, „dabei war das damals ein richtiger Boom, und ich hatte ein gutes Konzept, allerdings für den städtischen Raum, doch der Liebe wegen bin ich damals aufs platte Land bei Osnabrück gezogen und habe versäumt, dieses Konzept anzupassen.“ Den „Nullpunkt“ iher Erwerbsbiografie erreichte sie dann als „Vertreterin“ für Time-Sharing-Modelle in einer Ferienanlage auf der griechischen Insel Kreta, ohne Fixum, auf reiner Provisionsbasis, aber mit der Verpflichtung, für Unterkunft und Verpflegung selbst aufzukommen. Das Geld für den Hinflug hatte sie sich von einer ihrer zwei Töchter geliehen, für einen Rückflug reichten die Einnahmen nicht. Mit dem Saisonabschlussticket kam sie dann nach Deutschland zurück, ihre Wohnung war inzwischen zwangsaufgelöst worden, Verwandte in Südhessen nahmen sie auf. Zurück in Deutschland, und zurück in den ersten Arbeitsmarkt - das war ihr Ziel, denn auf Dauer „hartzen“, das war Hogrefes Sache nicht.

Es gab schon einige Arbeitsgelegenheiten - zum Beispiel eine auf ein halbes Jahr befristete Stelle in Schichtarbeit auf einer Tankstelle, die zum dem Zeitpunkt auslief, zu dem auch die Förderung durch die Kreisagentur für Beschäftigung zu Ende war. Mit viel eigener Initiative - und vermittelt über ein 50plus-Programm - absolvierte sie dann in Offenbach eine Qualifikationsmaßnahme zur Altenpflegehelferin und fand anschließend eine Praktikumsstelle im Reinheimer Gersprenz-Heim, mit der Perspektive auf anschließende Festanstellung.

Bleibt nur noch das Fahrrad

An ein Auto war zu dieser Zeit nicht zu denken, die öffentlichen Verkehrsverbindungen sind am Abend schlecht. Blieb das Fahrrad, und es kam zu einem folgenschweren Unfall, bei dem der Helm die Fahrerin gerade so vor noch schlimmeren Verletzungen rettete. „Ein Jahr war ich gesundheitlich außer Gefecht“, sagt Hogrefe heute rückblickend. Sie nahm an weiteren 50plus-Kursen im Groß-Zimmerner Jugendzentrum teil und fand dort über persönliche Kontakte eine Teilzeitbeschäftigung in der Küche, allerdings auf Ein-Euro-Basis. „Das erspart mir wenigstens den Makel arbeitslos in meinem Lebenslauf“, hat sie sich gedacht und gleichzeitig darauf gehofft, dass aus der Beschäftigung eine Planstelle wird. Das hätte ihr direkter Chef, der Groß-Zimerner Jugendpfleger Tom Hicking, auch sehr begrüßt. Bei den Haushalts-Defiziten Groß-Zimmerns nach der Weltfinanzkrise war es jedoch ausgeschlossen. „Tom hätte mich gerne behalten“, ist sich Hogrefe sicher, die dann aber im „Bundesfreiwilligensdienst“(BufDi) eine neue Orientierungsmöglichkeit sah.

Wiederum waren es persönliche Kontakte zum Klein-Zimmerner St. Josephshaus, die auf BufDi-Basis in einerVollzeit-Beschäftigung als Hauswirtschaftshilfe im neuen Ableger der Bischof-Ketteler-Schule im Dieburger Konvikt mündeten. „Für mich war das auch eine Gelegenheit zu testen, ob ich körperlich noch einer Vollzeitstelle gewachsen bin.“

Ihre Vorgesetzten - Markus Pelz und Susanne Scheuch-Ahrens - sind voll des Lobes für ihre Mitarbeiterin, die hier tatsächlich nach einem Jahr als BufDi eine unbefristete Festanstellung mit auskömmlicher Bezahlung und ohne staatliche Transfer-Leistungen zum Lebensunterhalt bekommen hat.

sr

Kommentare