Messe der letzten Dinge

Tag des Friedhofs mit temporärer Gastronomie vor der Trauerhalle

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Der Friedhof in Groß-Zimmern: Ort der Lebenden und der Toten

Groß-Zimmern - Gemeinsam statt einsam!“ Dieses Motto hat sich der Bund deutscher Friedhofsgärtner 2015 für den „Tag des Friedhofs“ ausgedacht, an dem sich erstmals auch die Gemeinde Groß-Zimmern beteiligt. Es ist eine Art „Messe der letzten Dinge“.

Besonders begehrt ist der Blick von der Plattform des Meister-Krans auf die Grabstätten der Toten und die Wohnstätten der Lebenden. „Den Tag des Friedhofs gibt es schon lange, seit 2001“, berichtet Karina Boller, die in der Gemeindeverwaltung für den kommunalen Friedhof zuständig ist. In Groß-Zimmern präsentieren sich aus diesem Anlass Steinmetze, Floristen, Gärtner, Bestatter und der ökumenische Hospizverein. Auf dem Gelände des alten Friedhofs, wo die Gräber längst verschwunden sind und der recht junge Name Adolph-Kolping-Anlage keine Erinnerung an die Vergangenheit beinhaltet, können mit dem Verein Bel(i)ebt Groß-Zimmern Blumenzwiebeln gepflanzt werden. Später liest Hans-Peter Wejwoda eine Geschichte über die Normalität des Sterbens. Der Tod gehört zum Leben, auch wenn es das Finale ist. Diese Botschaft zieht sich nicht nur durch die Arbeit des Hospizvereins, sondern ist auch bei Boller angekommen, die sich ja von Berufs wegen Tag für Tag mit den letzten Dingen befasst.

Auf ihrem Info-Tisch im Zelt liegen die Friedhofssatzung und die -gebührensatzung, und das macht deutlich, dass der Tod auch ein Verwaltungsakt ist. In Deutschland vielleicht mehr als anderswo, wie Doris Schultheis deutlich macht: „In Frankreich wird die Urne den Angehörigen übergeben“, erzählt die Dame, die gerade 76 geworden ist und sich schon mal vorsorglich mit den „letzten Dingen“ beschäftigt. „Man will ja nicht den Kindern zur Last fallen.“ Das sei so ein Tenor, den sie in vielen Gesprächen zu hören bekommen habe, sagt Boller später. Und: „Der Trend geht zur Urnenbestattung, zu Baum- und Wiesengräbern, möglichst preisgünstig, möglichst pflegeleicht.“ So sind auch die Fragen von Schultheis, die sich ausgiebig nach verschiedenen Bestattungsformen und den zugehörigen Preisen erkundigt. Günstig kommen die Wiesenurnengräber, denn der Aufwand ist gering, wie eine kaum fünf Minuten dauernde Urnengrab-Demonstrationsbohrung zeigt.

Fachgespräche am Designersarg: Bestatter Joachim Braun (rechts) im Dialog mit Heinz und Ingeborg Schlachter von „Blumen am Park“.

Die klassische Erdbestattung im Sarg ist hingegen ein rückläufiges Modell, wie Joachim Braun erläutert. Er hat für seinen Infostand in der Trauerhalle eine „Provokation“ mitgebracht: einen Designersarg, der aussieht wie eine Metallröhre, aber doch aus Holz ist, über das sich grauer Hochglanzlack zieht. Braucht man so etwas? „Zumindest als Anreiz für Gespräche“, sagt der Bestatter aus Dieburg, dessen Job es ist, Hilfestellung beim Verwaltungsakt zu geben und das Ritual der Beisetzung zu organisieren. Was den Verwaltungsakt angeht, rät er dringend zur Vorsorge in Form einer Sammlung von Urkunden, Verweisen auf Vermögenswerte und einer Notiz zu den Wünschen für die letzten Dinge, am besten einem notariell beglaubigten Testament, und das alles an allgemein bekanntem Ort. Heinz Schlachter von „Blumen am Park“ ist nicht nur für die florale Ausgestaltung der Trauerfeier und die Gestaltung der Grabstätte zuständig, sondern hat auch ein Vorsorge-Angebot parat: den Grabpflege-Vertrag, der auch zu Lebzeiten abgeschlossen werden kann.

Dass man nicht den Kindern zur Last fallen will, hört auch er oft, und meint darin auch eine Veränderung der Gesellschaft zu erkennen: „Oft leben die Kinder inzwischen ja woanders, und überhaupt ist der Familienzusammenhang lockerer geworden.“ Muslimische Bestattungen sind an diesem Tag auch ein Thema, denn alle Beteiligten sind sich sicher, dass ihre Zahl zunehmen wird. Konsens ist daher auch, dass die Friedhöfe entsprechend umgestaltet werden müssen. In Groß-Zimmern fehlt etwa der Raum für die letzte rituelle Waschung durch die Angehörigen. Braun kann als Ersatz einen „Hygieneraum“ in seinem Geschäft bieten, weiß aber: „Nach der Waschung darf ich den Leichnam nicht mehr berühren, er würde nach muslimischem Verständnis verunreinigt.“

Generell hält sich das Interesse an diesem „Tag des Friedhofs“ in überschaubaren Grenzen. „Knapp drei Beratungsgespräche pro Stunde“, rechnet Boller an Nachmittag aus. Publikumsmagnet ist die Plattform am Meister-Kran, die aus 35 Metern Höhe einen weiten Blick über die Ruhestätten der Toten und die Wohnstätten der Lebenden erlaubt. Auch die temporäre Gastronomie vor der Trauerhalle mit Kaffee und Kuchen ist recht gut besucht. Sie bietet Gelegenheit zum Plausch mit den Lebenden im Gedenken an die Toten. 

sr

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