Empfang der Ruheständler mit spannender Ortsgeschichte

Mutter erstickt Säugling und wird hingerichtet

Kulturhistorischer Leckerbissen zum Jahresauftakt: Helmut Kriha entführte das Publikum der Ruheständler in die Geschichte Groß-Zimmerns. Foto: Friedrich -

Groß-Zimmern - Das erste Treffen im neuen Jahr begann für die Ruheständler mit einer Reise in die Vergangenheit. Lokalhistoriker Helmut Kriha nahm die ökumenische Männergruppe mit in die Zeit der Römer, des 30-jährigen Kriegs und natürlich zu den Anfängen der Zimmerner Kerb. Von Ursula Friedrich

Zuvor hatte Pfarrer Michael Merbitz-Zahradnik seine guten Neujahrswünsche in eine nachdenkliche Rede eingebettet. 2016 setzten sich Terror und Krieg fort, „wir haben die Liebe und Hoffnung von Jesus Christus mehr denn je nötig in dieser Welt, die sich in einem gewaltigen Umbruch befindet“, sagte der evangelische Geistliche. „Wie kann Gott das alles zulassen?“ auf diese rhetorische Frage antwortete Merbitz-Zahradnik: „Wenn wir ehrlich sind: Es liegt an uns!“ Er plädierte dafür, auf dem Fundament des christlichen Glaubens, der Hoffnung und der Liebe, sowie mit dem „Glauben an die Menschlichkeit und den guten Willen der Mitmenschen“ das neue Jahr anzugehen.

Bereits vor Christi Geburt war die Gemarkung des heutigen Groß-Zimmerns mit ihrem ertragreichen Lössboden ein Ort, an dem gesiedelt wurde. Helmut Kriha zeigte anhand von Luftaufnahmen, die 1979 bei einer Hessenbefliegung entstanden waren, Siedlungsreste römischer Invasoren (heute das Areal des Golfplatzes) und Reste einer römischen Straße, die von Gernsheim kommend nach Dieburg führte.

Sogar aus prähistorischer Zeit wurden Abfallgruben entdeckt - heute wird dort Ackerbau betrieben. „In der Zimmerner Gemarkung war was los“, schmunzelte Kriha und folgerte: „Ob es Groß-Zimmern bereits gab, weiß man nicht.“

„Aber die Kerb hat es schon gegeben“, warf Manfred Dirscherl, Vorsitzender der Ruheständler, humorvoll ein. Dass die „Kyrchwey am Tag Bartholomey“ mindestens seit 1492 gefeiert wird, hatte Heimatforscher Kriha durch akribisches Studium alter Dokumente aus dem Archiv der Vogtei Habitzheim der Fürsten zu Löwenstein bereits vor Monaten zu Tage gefördert.

Relativ unbekannt sei jedoch, so Kriha, dass eine Feuersbrunst um 1598 Teile des Ortes in Schutt und Asche gelegt hat und das Volk in „höchst noth und armut stürzte“. Dokumentiert wurde auch die letzte Hinrichtung durch das Umstädter Blutgericht (Zimmern gehörte zum Cent-Gebiet Groß-Umstadt) im 18. Jahrhundert.

Eine junge, unverheiratete Frau aus dem Geschlechte der Wörtches hatte ihren Säugling erstickt - und wurde durch das Beil hingerichtet.

Dass man sich im evangelischen Gotteshaus ohne den Segen der Kurpfälzer und Hessen-Darmstädter Herrschaftshäuser eine neue Orgel leistete, wurde 1682 mit einer Strafe von 60 Gulden geahndet. Durch einen Sensationsfund im Keller des evangelischen Gemeindehauses wird dem unermüdlichen Forscherdrang Krihas neue Nahrung geliefert.

Bei Aufräumarbeiten, so Pfarrrer Michael Fornoff wurde ein historisches Buch aus dem Kirchenarchiv zu Tage befördert, das den weltlichen und geistlichen Schriftverkehr aus dieser Zeit überliefert. Dokumentiert sind auf diese Weise auch Querelen zwischen dem neu erstarkenden Katholizismus in der Gemeinde (um 1704) und der evangelischen Kirche.

Die kostbaren Dokumente lassen viele Rückschlüsse auf gesellschaftliche und politische Ereignisse in „Grossen Zimmern“ zu und das interessierte Publikum darf sich auf die nächsten Resultate der Forschungen Krihas freuen.

Eine Studienreise zu den Wurzeln des reformierten Glaubens bietet Pfarrer Fornoff an. Vom 24. bis 27. Oktober geht es „auf den Spuren von Martin Luther“ nach Eisenach und Wittenberg.

Alle Informationen zu dieser Reise gibt es bei Pfarrer Fornoff, s  06071 42294. Anmeldungen sind bis 1. August möglich.

‘ Das nächste Treffen der Ruheständler ist an Aschermittwoch, 10. Februar, um 15 Uhr im evangelischen Gemeindehaus.

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