Pilze, Bäume und Biotope in Zeiten des Klimawandels

Nichts ist mehr vorhersehbar

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Leise ruht der Tümpel: Die kleinen stehenden Gewässer in Zimmerns Wald wurden im Rahmen des Projekts Messeler Hügelland ausgeweitet und tragen zur Artenvielfalt bei. Allerdings wollen sie auch in Zukunft intensiv gepflegt sein.

Groß-Zimmern - Zu nass war der Sommer, der Herbst zu trocken, der goldene Oktober leuchtete dann in sattem Grün. Wenn im Jahreskalender Mutter Natur eines gewiss ist, dann, dass in Zeiten des Klimawandels nichts mehr vorhersehbar ist. Von Ursula Friedrich

Nachdem die kalte Jahreszeit in der letzten Woche im Ad-hoc-Verfahren eingeläutet wurde, hielt es bei nassem Wetter Zimmerns Bürger vermutlich in den warmen Stuben. Denn zum Familienspaziergang mit Fachleuten und Naturschützern erschien kein Interessent. Nabu-Chef Lothar Jakob bewies mit Schirm und Wanderschuhen, dass es auch bei Schmuddelwetter das richtige Outfit gibt und machte sich mit den Kollegen von der Waldschule auf zum einstündigen Marsch.

Zwischenstopp Messeler Hügelland

Im Rahmen des Naturschutzprojekts Messeler Hügelland (Projektgebiet 10100 Hektar) wurden in den vergangenen Jahren auch im Zimmerner Wald mit kleineren Förderbeträgen unterschiedliche Maßnahmen ergriffen. So etwa das Anbringen von Fledermausnistkästen. „Rund um Groß-Zimmern wurden 15 Fledermausarten nachgewiesen“, erklärte Revierförster Martin Starke. Auch die Anlage vieler Tümpel ist Teil des Maßnahmenkatalogs Messeler Hügellands, dessen Förderung Ende 2017 ausläuft. „Artenvielfalt und Lebensräume“ sind Zielvorgaben des Projekts. 140 besonders geschützte Tier- und Pflanzenarten sind in Hessen gelistet, eine vom Aussterben bedrohte Spezies ist die Gelbbauchunke, die im hiesigen Wald noch heimisch ist. Eine unmittelbare Auswirkung der Projektmaßnahmen sei auch die Zunahme von Feuersalamandern und Ringelnattern, so Starke.

Per Wood-Wide-Web von Baum zu Baum

Während die technische Revolution in den vergangenen zwei Jahrhunderten rasant fortschritt, wurde das Wood-Wide-Web im Wald schon vor Jahrmillionen entwickelt. Gigantische unterirdische Pilzgeflechte haben zu einer Baumvernetzung geführt, welche die Kommunikation unter Bäumen ermöglicht.

Müllabfuhr im Teamwork: Und während der Pilzfreund zwischen „Gut und Böse“ unterscheidet und sein Körbchen ausschließlich mit Speisepilzen füllt, feiert Lothar Jakob das Auftreten knallgelber und giftgrüner Fruchtkörper wie ein Fest. Pilze gedeihen in Zimmern trefflich und leisten hier einen überlebenswichtigen Job für das Ökosystem: Pilze zersetzen totes, organisches Material. Ohne ihre Leistung wäre der Wald unter meterhohem Totholz und Blättern aus Jahrtausenden begraben. Das Zersetzen toter Materie geschieht häufig im Teamwork, wenn Insekten und Mikroorganismen gemeinsam zu Werke gehen. Eine Sisyphusarbeit? „Es dauert drei Jahre, bis ein Buchenblatt zersetzt ist“, erklärt Jakob.

Schlauchpilz meuchelt Eschen

Auch, wenn der hessische Waldschadensbericht zum Spaziergang noch nicht vorlag, weiß man um seine Sorgenkinder. Das Eschentriebsterben schreitet voran. Hier sind – aus Sicht des Forstmannes – die Bösen unter den Pilzen im Einsatz. Das „Falsche Weiße Stängelbecherchen“, eine Schlauchpilzart, ist für das europaweite Absterben der Baumart verantwortlich. „Man sieht an allen Eschen Anfänge“, so die Beobachtung Starkes im Gemeindewald. Allerdings, dies haben medizinische Studien ergeben, wird dem Parasiten auch eine heilende Wirkung gegen den multiresistenten Krankenhauserreger nachgesagt. Wo Schatten ist, zeichnet sich Licht ab. Oder auch umgekehrt: Die heilende Wirkung von Misteln ist uns aus der Zeit der Druiden überliefert. Allerdings hat die Mistel, ein Halbschmarotzer, inzwischen 40 Prozent der hiesigen Kiefern befallen.

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