Projekt: Fußball für Flüchtlinge

Wer ist im Angriff, wer in der Abwehr?

Groß-Zimmern - Johnny Conner und zwei Erstmannschaftsspieler des FSV trainieren 22 Flüchtlinge. Für ein dauerhaftes Angebot wird noch ein Trainer gesucht. Von Jens Dörr

Über die gesellschaftliche Rolle des Fußballs wurde schon viel geschrieben: In kaum einem anderen Bereich funktioniere Integration in Deutschland besser als in seiner Sportart Nummer eins, kaum etwas begeistere die Massen mehr, kaum etwas lenke so gut von Unerfreulichem ab. Auch oft zu hören und sicher ebenso wenig wie die anderen Aspekte von der Hand zu weisen: Kaum etwas führt die Menschen aller Alters- und Bildungsschichten, führt Deutsche und Migranten so gut zusammen und kommt ohne die sonstigen Konventionen aus. Das Medium Fußball könnte auch seinen Beitrag bei der Einbindung der derzeit besonders vielen Asylsuchenden in der Bundesrepublik leisten. In Groß-Zimmern wurde dazu nun ein Anfang gemacht – in einer Koproduktion von Gemeinde und Fußball-Sportverein (FSV).

Gekickt wurde auch in Strümpfen – siehe Spieler rechts. Einer lief gar barfuß auf.

Beim FSV trainiert Johnny Conner seit diesem Sommer die erste Mannschaft in der Kreisliga A. „Vergangene Woche waren zu einer unserer Trainingseinheiten zwei Flüchtlinge angekündigt“, erzählte Conner auf dem Gemeinde-Sportplatz neben dem Hallenbad. Gekommen seien aber nicht nur diese beiden – sondern gleich 22. „Die konnten wir natürlich nicht alle mitmachen lassen“, so der Coach. Was beim jüngsten Termin dann ganz anders war. Denn für diesen Tag blockte sich Conner etwas Freizeit und schnappte sich seine beiden Spieler Alexander Ferderer und Egor Flegel. Das Angebot des Trios, von der Gemeinde verbreitet unter den derzeit rund 200 in Groß-Zimmern untergebrachten Flüchtlingen: ein Fußball-Training für alle, die mal wieder ungezwungen kicken wollen. Im Hinterkopf: „Wir wollen dabei auch schauen, ob vielleicht der ein oder andere Spieler für unsere beiden Aktiventeams dabei ist“, wie Conner erläuterte. Nicht nur er, sondern in Sascha Spross auch der Sportliche Leiter der FSV verfolgte deshalb die Einheit.

Die begann allerdings mit 20-minütiger Verspätung. „Mit der Pünktlichkeit haben sie es noch nicht so“, stellte Conner fest, als sein Abwehrhüne Flegel mit den 22 Männern – meist aus Afghanistan, Eritrea, Syrien und dem Iran – gerade das Aufwärmprogramm absolvierte. Auch bei mehr als 30 Grad wollen Muskeln, Sehnen und Gelenke auf die oft sehr abrupten Bewegungen beim Fußball vorbereitet sein. Auch wegen der zeitlichen Verzögerung ging Conner zusammen mit Flegel und Ferderer direkt im Anschluss zu einem Großfeld-Spiel über –wobei die Zahl der Trainingsbesucher zufälligerweise die optimale Teamgröße von zweimal elf Personen zuließ.

Talent entdeckt? FSV-Trainer Johnny Conner (hinten) bei der Einheit mit den Flüchtlingen.

Zwei, drei Spieler stachen Conner und Spross dabei ins Auge, könnten demnächst vielleicht zu den regelmäßigen Trainingsgästen des FSV zählen. „Wir sind sowieso ein Verein mit allen Nationen“, sah Conner im sich andeutenden weiteren Multikulti am Sepp-Herberger-Weg im Grunde nichts besonders Erwähnenswertes. Bislang allerdings habe man – auch in den FSV-Jugendteams – noch kaum Verstärkung aus Reihen der Asylsuchenden erhalten. Conner muss es wissen, war bis zur Ablösung durch Sascha Rigatelli doch auch Jugendleiter der Groß-Zimmerner.

Nach dem großen Zuspruch und unkomplizierten Verlauf der Einheit soll sich auch der Kick der Flüchtlinge verstetigen. „Es wäre schön, wenn ein Trainer abgestellt werden könnte, der die Jungs einmal pro Woche abends ein Stündchen trainiert“, lautete nicht nur Conners Wunsch. Ihm selbst, der ohnehin schon mindestens dreimal wöchentlich als Coach auf dem Sportplatz steht, sei dies regelmäßig aus Zeitgründen nicht möglich. Verkündete es und gab die nächsten Anweisungen: „Take position, please! Who is offense, who is defense?“ („Nehmt bitte die Positionen ein! Wer spielt vorne, wer spielt hinten?“)

Rubriklistenbild: © Dörr

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