Prozess wegen schweren Raubes

Freispruch mit Bauchschmerzen

Groß-Zimmern/Dieburg - „Im Zweifel für den Angeklagten“, das hob Jugendrichter Thomas Roth bei der Urteilsbegründung im Amtsgericht hervor. Er sei zwar von der Schuld des Angeklagten A. überzeugt, müsse ihn jedoch „mit Bauchschmerzen“ aufgrund fehlender Beweise freisprechen. Von Gudrun Fritsch

Wegen schweren Raubes waren zwei 20-Jährige angeklagt. Die beiden Männer sollen am 5. März 2014 den Lidl-Markt in der Groß-Zimmerner Waldstraße überfallen haben. Während ein maskierter Täter Angestellte und einen Kunden mit der Waffe bedroht und rund 4 000 Euro erbeutet haben soll, soll der andere Schmiere gestanden haben. Beide beteuerten bis zuletzt, nichts mit der Sache zu tun zu haben. Nachdem an drei Terminen zahlreiche Zeugen und Gutachter gehört worden waren, folgte das Urteil. Die Polizei hatte im Zuge der Ermittlungen auch Telefone abgehört und war dabei auf Informationen gestoßen, die den Verdacht gegen die Beschuldigten erhärtet hatten. Am vierten Verhandlungstag hatte zunächst ein Fachmann bestätigt, dass die Bestimmung von Aufenthaltsorten der Handys absolut sicher sei.

Vor den Plädoyers beschrieb die Jugendgerichtshilfe den Werdegang und die Sozialprognose der beiden Angeklagten: Der in Dieburg aufgewachsene B., der inzwischen in Langen lebt, sei bisher unauffällig gewesen. Wegen seiner Sprachstörung und der allgemeinen Entwicklungsverzögerung sollte Jugendstrafrecht angewandt und eine Strafe, sofern unumgänglich, zur Bewährung ausgesetzt werden.

Der Hauptangeklagte A. hingegen habe sieben einschlägige Vorbelastungen. Er war erst kurz vor dem Überfall von Bochum nach Zimmern zur Familie seiner Freundin gezogen. Auch er sei eher als Jugendlicher einzustufen, wegen der Schwere der Schuld sei eine Bewährungsstrafe für ihn jedoch zweifelhaft. Eine Verkäuferin des Marktes hatte ausgesagt, sie habe in dem maskierten Täter A. wiedererkannt, der regelmäßig Kunde war. Die Familie der Freundin hatte A. entlastet, indem sie ihm ein Alibi lieferte, das wiederum durch die Handy-Aufenthaltorte in Frage gestellt wurde. Insgesamt hielten sowohl Richter Roth als auch Staatsanwältin Nina Reininger diese Zeugen nicht für glaubwürdig.

In ihrem Plädoyer strickte die Staatsanwältin eine recht schlüssige Indizienkette. Angefangen vom Plan, in dem noch weitere, unbekannte Täter und ein Fluchtfahrzeug vorkamen, habe A., der damals neben dem Lidl-Markt arbeitete und mit der Umgebung vertraut war, alles bedacht. Allerdings sei die Verkäuferin zu früh ins Büro gekommen und die Fluchtpläne wurden von aufmerksamen Anwohnern vereitelt. Bei A. liege ein hohes Maß an schädlichen Neigungen vor. Wegen seiner Vorbelastungen und der Schnelle von Wiederholungstaten sollte er zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt werden. Für B. hingegen gelte eine gute Sozialprognose. Er sollte mit einer zweijährigen Strafe auf drei Jahre Bewährung und 200 Stunden Arbeitsauflage davon kommen.

„Sie haben bei ihm weder Waffe noch Tatkleidung oder Beute gefunden“, kritisierten A.s Anwälte die ihrer Meinung nach subjektive Beurteilung der Staatsanwältin. Sie forderten ebenso wie der Verteidiger von B. Freispruch. Die Staatsanwältin erklärte dem LA, sie werde voraussichtlich in Berufung gehen.

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