Rolle des Glücksbringers am Neujahrstag

Ein Schornsteinfeger zum Anfassen

+
Das Kehren auf dem Dach gehört für Schornsteinfegermeister Andreas Kramer dazu. - Foto: Bernauer Das Kehren auf dem Dach gehört für Schornsteinfegermeister Andreas Kramer dazu.

Groß-Zimmern - Schon beim Anblick eines Schornsteinfegers eilt so mancher schnurstracks ins nächste Kiosk und füllt einen Lottoschein aus. Die Vertreter des Berufsstands gelten als Glücksbringer. Woran das liegt, das beschreibt Andreas Kramer. Von Ulrike Bernauer 

„Der Schornsteinfeger liegt bei mir in der Familie“, sagt Andreas Kramer. „Schon mein Vater hat Schornsteine gefegt.“ Viele Söhne üben dasselbe Handwerk wie ihre Väter aus. Bei dem Groß-Zimmerner war es eben der schwarze Mann auf dem Dach. Dem 39-Jährigen macht der Beruf Spaß, obwohl der ihn inzwischen nach Köln verschlagen hat, wo er einen Bezirk hat. Aber auch in Zimmern putzt Kramer hin und wieder noch so manchen Kamin. Hier beschränkt sich seine Tätigkeit allerdings zumeist bei Verwandten und Freunden auf das Kehren, das Messen und das Anbringen oder die Kontrolle von Rauchmeldern. Anders sieht es in Köln für ihn aus. Da ist er mehr ein Sicherheits-, Umwelt- und Energieexperte. „Schornsteine werden in den größeren Städten nicht mehr so häufig gekehrt wie auf dem Land, wo die Menschen teilweise noch mit festen Brennstoffen wie Holz heizen“, erklärt er. Seit dem Jahresbeginn 2015 hat Kramer seinen Bezirk in Köln. „Ich habe mich dort beworben, weil hier in der Gegend nichts mehr frei war“, sagt der Ur-Zimmerner, der aber nicht ganz so traurig über den Ortswechsel ist. Er genießt es auch einmal Großstadtluft zu schnuppern. „Ich kann mir gut vorstellen, mich in ein paar Jahren um einen Bezirk in der Nähe von Groß-Zimmern zu bewerben, damit ich wieder häufiger in der Heimat bin.“

Die Arbeit macht ihm viel Freude, er klettert gerne auf Dächer, freut sich über die vielen unterschiedlichen Aufgaben und hat dafür einen Schreibtischjob an den Nagel gehängt. 16 Jahre lang war er im Zentralverband Deutscher Schornsteinfeger tätig, acht Jahre davon hauptamtlich. „Ich wollte wieder die Luft auf dem Dach schnuppern und freue mich deshalb, dass mir dieser Bezirk in Köln zugeteilt wurde. Ich habe Spaß an der Abwechslung, jeder Tag ist anders und ich komme mit vielen Menschen in Kontakt, sei es positiv oder negativ. Man kommt in zahllose Häuser und sieht Dinge, die sonst oft im Verborgenen bleiben.“ Als Bezirksschornsteinfegermeister ist seine Hauptaufgabe nicht unbedingt das Kehren. In der Stadt müssen häufig größere Anlagen gewartet werden, das dauert mitunter den ganzen Tag. Mit Ruß bedeckt kommt Kramer dann auch nicht unbedingt nach Hause.

Sein Job ist eher das Prüfen der technischen Gebäudeausrüstung und natürlich muss er viel über die Heizungs- und Anlagentechnik wissen. Die dreijährige Ausbildung, die auch heute noch viele Jungen, aber zunehmend auch Mädchen anstreben, ist auch deshalb auf jeden Fall nötig. Warum sich viele Menschen freuen, wenn sie einen Schornsteinfeger sehen, diese Frage kann Kramer auch beantworten: Im Mittelalter zogen die Schornsteinfeger, wie viele andere Handwerker über Land. Die Menschen waren froh, wenn ihr Kamin frisch gefegt war, denn dann war die Gefahr eines Brandes viel geringer. Mitunter sind damals ganze Dörfer oder Städte abgebrannt. Wenn die Schornsteinfeger kamen, hieß es: „Die bringen das Glück ins Haus, weil es nicht mehr brennen kann“. „Der Schornsteinfegerberuf bedeutete so eine große Ehre, dass die „schwarzen Männer“ ob wohl sie keinem höheren Stand angehörten, einen Zylinder tragen durften“, berichtet der Zimmerner. Den hat Kramer bei der Arbeit allerdings kaum noch auf. Dennoch wird er oft gefragt, ob man ihn anfassen darf. Manche versprechen sich Glück davon, den Mann mit dem Zylinder, der Borsten-Kugel und der kleinen Leiter zu berühren oder einen seiner Knöpfe zu polieren. Genau so erscheint Andreas Kramer.

Manche sorgten aber für Elend. Jeder kennt wohl das Fangspiel „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann“. In einige Kamine mussten die Schornsteinfeger nämlich hineinklettern, wofür sich kleine Menschen besser eigneten. Deshalb kam es vor, dass Schornsteinfeger Kinder entführten, um sie als wendige Arbeitssklaven zu halten. So kam es auch zur Kehrseite. Die Rolle als Glücksbringer zu Neujahr geht auch darauf zurück, dass die Schornsteinfeger traditionell zu diesem Termin ihre Jahresrechnung legten, und aus diesem Anlass vielfach als erste Gratulanten auftraten. Für die Zimmerner hat Kramer auch ohne Rechnung den Wunsch: „Viel Glück im Neuen Jahr!“

Kommentare