Raub im Supermarkt

Über Funkdaten Polizei ins Netz gegangen

Groß-Zimmern/Dieburg - Zwei Männer sollen im März 2014 den Lidl-Markt in der Waldstraße überfallen haben. Wegen schweren Raubes müssen sie sich vor dem Amtsgericht Dieburg verantworten. Beide beteuerten am ersten Verhandlungstag, mit der Sache nichts zu tun zu haben. Von Gudrun Fritsch

In Fußfesseln wurden die Angeklagten in den Gerichtssaal geführt, beide sind seit ihrer Verhaftung in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Wiesbaden in Untersuchungshaft.

Einer der Heranwachsenden soll am 5. März gegen 20.45 Uhr durch ein Fenster in den Bürocontainer der zu dieser Zeit im Umbau befindlichen Filiale geklettert sein und sich dort zunächst versteckt haben. Der andere soll Schmiere gestanden haben.

In dem Container soll der maskierte Angeklagte von zwei Angestellten des Supermarkts überrascht worden sein, woraufhin er diese mit einer Pistole bedroht haben soll. Eine weitere Angestellte und einen älteren Kunden soll er gewaltsam an der Flucht gehindert und in den Bürocontainer gezogen haben. Dort soll er die Schichtführerin aufgefordert haben, den Tresor zu öffnen. Die darin befindlichen 4.000 Euro soll er in eine Posttasche gesteckt haben und geflohen sein.

Komplize sei als Kind von einer Brücke gefallen

Der vorbelastete Angeklagte A. war erst vor kurzem von Bochum nach Groß-Zimmern gezogen, um näher bei seiner hier lebenden Freundin zu sein. In Wiesbaden habe er viel Zeit gehabt nachzudenken und so sei ihm eingefallen, wo er zur Tatzeit war, erklärte er zu Beginn der Verhandlung und schilderte ein neues Alibi. Sein mutmaßlicher Komplize B. ist in Dieburg aufgewachsen und zur Förderschule gegangen. Mit zwölf Jahren ist er „von einer Brücke auf den Kopf gefallen“, wie er selbst erzählte. Sprachprobleme habe er auch vorher schon gehabt, beantwortete er die Frage von Staatsanwältin Jutta Prechtl. Er arbeitete zuletzt als Regaleinräumer in Langen.

Neun Zeugen schilderten ihre Beobachtungen. Jugendrichter Thomas Roth legte großen Wert auf Genauigkeit bei Fragen und Antworten. „Sie sollten immer nur eine konkrete Frage stellen“, korrigierte er eine eifrige Schöffin und als Rechtsanwalt Rüdiger Voß einem Zeugen eine Aussage unterstellte, griff Roth ein: „Solche Fragen sind unzulässig.“ Offensichtlich unwohl fühlten sich einige Zeugen, denn der bei Gericht übliche Sprachgebrauch ist nicht jedermanns Sache. Wenn beispielsweise die Staatsanwältin ihre Nachfrage einleitete: „Ich halte ihnen jetzt einmal ihre Aussage bei der Polizei vor“, klang das für so manchen wie eine Anklage.

Verkäuferinnen heute noch traumatisiert

Als erste wurden Anwohner der Max-Planck-Straße gehört, die am Tatabend einen Verdächtigen gesehen hatten. Sie vermuteten, dass er ihr Hoftor aufgebrochen hatte, um in die Firma zu gelangen und verfolgten den dunkel gekleideten, vermummten Mann, der nach dem Sprung über eine Mauer verschwunden war. Anschließend beobachteten sie einen Radfahrer, der sich ebenfalls verdächtig verhielt und sofort die Richtung wechselte. Mit dem Auto eingeholt habe er auf die Frage, ob er jemanden gesehen habe, in unhöflichem Tonfall geantwortet: „Spiel hier bloß nicht den Dorfsheriff!“ und sei davongefahren.

Den beiden Verkäuferinnen war im Zeugenstand deutlich anzumerken, dass der Raubüberfall für sie bis heute ein traumatisches Erlebnis ist und wohl immer bleiben wird. Beide waren anschließend mehrere Wochen arbeitsunfähig.

Opfer kann Täter idetifizieren

Die Jüngere hatte gleich nach dem Überfall ausgesagt, dass sie den Mann erkannt habe. Nach zähem Nachfragen konnte sie glaubhaft erklären, dass sie sich bis heute sicher ist, dass es der Angeklagte A. war. Er habe zuvor oft mit seiner Freundin und deren Mutter im Supermarkt eingekauft. „Er hat extreme O-Beine“, beteuerte sie, wobei nicht genau zu klären war, ob sie tatsächlich O- oder X-Beine meinte.

Auch B. habe sie zuvor gesehen: „Er hat so schöne blaue Augen.“ Beide hätten kurz vor der Tat in Begleitung eines dritten Mannes bei ihr an der Kasse Wasser gekauft.

Lange blieb unklar, wie es eigentlich zur Festnahme der beiden mutmaßlichen Täter gekommen ist. Bis schließlich am Nachmittag Oberkommissar M. aus Darmstadt gehört wurde. Nach ausführlichen Beschreibungen der Polizeiarbeit berichtete er schließlich, dass die Verkäuferin A. auf einem Fahndungsfoto erkannt habe. Dann ging die Internetrecherche los. Über Facebook und andere Netzwerke erfuhren die Ermittler viel über den Verdächtigen und fanden einige Personen, die als Komplizen in Frage kämen.

Gewaltverbrecher auf der Flucht

Gewaltverbrecher auf der Flucht

Daraufhin wurden Telefone abgehört. Jetzt erfuhren die Menschen im Gerichtssaal einiges über die Beziehung von A. zu seiner Freundin und deren Eltern. Der wohl spielsüchtige Angeklagte wurde von ihr verfolgt und bevormundet.

Lange Zeit seien die Telefonate eher langweilig gewesen, bis schließlich B. im Umfeld aufgetaucht sei. Jetzt habe es „konspirative Vereinbarungen“ gegeben und die Männer wurden mit einem Einbruch in einer Zimmerner Spielothek in Zusammenhang gebracht. Über Funkzellendaten habe man belegen können, dass sowohl A. als auch B. zu den entsprechenden Tatzeiten an den Orten telefoniert hatte. Beide wurden daraufhin verhaftet.

Schuldig oder unschuldig? Diese Frage blieb gestern offen. Nach weiterer Beratung wird das Amtsgericht innerhalb der nächsten drei Wochen einen Folgetermin anberaumen.

Rubriklistenbild: © Symbolbild: dpa

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