Ach, die Kerb ist da

Zimmerner Kerb ist auch für Schausteller etwas Besonderes

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Ohne Schiffschaukel würde den Zimmernern bei ihrer Kerb bestimmt etwas fehlen.

Groß-Zimmern - Die Kerb, das Fest der Feste in Zimmern, ist einem stetigen Wandel unterlegen. Vieles ist jedoch in alter Tradition über die Jahre gleich geblieben. Dazu gehört auch etwas, an das die meisten Zimmerner wohl nicht gleich denken. Von Ulrike Bernauer 

Bereits seit 60 Jahren wird der Rummel, der zur Kerb natürlich dazu gehört, von derselben Schaustellerfamilie ausgerichtet. Die Petzolds bauen über diesen langen Zeitraum immer mittwochs vor der Kerb ihre Buden und Fahrgeschäfte auf. Dazu gehören die Schiffschaukel, der Schießstand, das Kinderkarussell, die Losbude und der Süßigkeitenstand, mit denen die Familie nicht nur Kinderherzen erfreut. Sozusagen als Generalunternehmer bucht Petzold dann auch noch den Autoscooter und den Essensstand dazu. In der langen Zeit haben sich auch Freundschaften entwickelt. „Es gibt eine Familie, die bringt uns Sonntags immer einen Käsekuchen“, sagt Senior Kurt Petzold, der schon mit seinem Vater nach Zimmern zur Kerb kam. Seit über 120 Jahren sind die Petzolds mit ihren Wohnwagen den Sommer über unterwegs, selbstverständlich nicht nur in Zimmern.

Auch in diesem Jahr wird die Schaustellerfamilie Kurt, Günther und Sandra Petzold aus Hergershausen wieder den Rummel bei der Zimmerner Kerb ausrichten. Senior Kurt hat ein Fotobuch in den Händen, das die lange Geschichte des Betriebs zeigt.

In Hergershausen wohnen Senior Kurt Petzold, sein Sohn Günther und dessen Ehefrau Sandra mit den Kindern. Wenn es zu einer Kerb geht, was im Sommer an mehr als 20 Wochenenden der Fall ist, dann hilft die ganze Familie mit. Einige Dauer-Aushilfen hat Petzold auch, auf die er sich verlassen kann. Zwar leitet inzwischen Junior Günther den Betrieb, aber der Senior ist immer mit dabei. Das geht soweit, dass er im Sommer auch zu Hause in seinem Wohnwagen wohnt. „Was soll ich die vielen Treppen raufsteigen?“, fragt der 85-Jährige und deutet in den Wagen. „Hier habe ich alles, was ich brauche.“

So treu wie er seinem Wagen, so treu sind die Petzolds auch ihrer Kundschaft. Die Dudenhöfer Kerb besuchen sie schon seit 80 Jahren und auch in Reinheim oder Schlierbach verschönern sie die Feste seit langem. „Der Vertrag mit den Gemeinden läuft weiter, wenn nicht einer der Partner ihn kündigt“, sagt Günther Petzold. Folglich kennen viele, vor allem ältere Zimmerner die Schaustellerfamilie. „Wenn meine Mutter früher in Zimmern einkaufen ging, dann sagten die Leute: ach, die Kerb ist da“, erzählt der Junior. Eine ganze Woche verbringen die Petzolds in Zimmern, schließlich muss vorher auf- und hinterher abgebaut werden. Alles läuft wie am Schnürchen, sie wissen wo die Elektroanschlüsse sind und das Wasser erhalten sie von einem Privatmann in der Nachbarschaft des Rummelplatzes. Und sie sind nicht nur zur Kerb in der Gersprenzgemeinde. Vor drei Wochen waren sie beim Fischerfest der Angler. „Da kommen wir wohl seit 20 Jahren hin“, überlegt der Senior.

Auch wenn das Leben als Schausteller anstrengend ist, die Familie will es nicht missen. „Ich würde auf keinen Fall mit einem Acht-Stunden-Tag tauschen wollen“, sagt der Junior. Ihm und seiner Familie macht es nichts aus, dass die Nächte während eines Festes kurz sind. Vor zwei, drei Uhr kommen sie nicht ins Bett, es kann aber auch mal fünf Uhr in der Frühe werden. Trotzdem wird in der Regel um acht aufgestanden, schließlich ist vor dem Ansturm der Besucher immer etwas zu tun. Meist werden dann die Fahrgeschäfte und die anderen Buden dann so um 13 oder 14 Uhr geöffnet, vorher lohnt es sich nicht. An manchen Tagen gibt es richtig Stress, in Zimmern ist das der Kerbsonntag, wenn der Umzug gerade durch ist. Da müssen die Petzolds Nerven bewahren, was sie aber beherrschen. „Man muss gut mit den Leuten können, sonst kann man das Geschäft nicht machen“, sagt Günther Petzold.

Kerb in Groß-Zimmern (2014)

Kerb in Groß-Zimmern

Ohne Liebe zum Job kann man diesen Beruf wohl sowieso nicht ausüben. Auch wenn die Familie an einer gut besuchten Kerb auch gut verdient, so hat sie doch auch erhebliche Ausgaben. Ein Kinderkarussell, wie die Petzolds es dabei haben, kostet locker 150 000 bis 180 000 Euro. Das muss erst mal verdient werden. Bei guter Pflege hält es dann zwar 30 Jahre, aber dennoch muss diese Ausgabe gestemmt werden. Im Winter, wenn dieSchaustellerfamilie nicht in ihren Wohnwagen, sondern in ihrem Haus lebt, wird deshalb auch repariert und gepflegt, damit das Betriebsgerät möglichst lange hält. So richtig ausgeruht wird sich allerdings auch im Winter nicht. Da fährt Günther Petzold LKW. In den Urlaub wird nur alle zwei Jahre gefahren. Jetzt freuen sich die Petzolds allerdings erst mal auf die Zimmerner Kerb und das Wiedersehen mit Bekannten und Freunden. Ganz besonders findet Günther Petzold das Fest in Zimmern aber schon: „So viele Kerbborschte und das aus so vielen Jahrgängen, das gibt es sonst nirgendwo.“

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