„Verzaijlschesowend“ rund um die Kerb

Ortsgeschichte: Rebellen bewerfen Frau mit Pferdeäpfeln

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Mit viel Humor präsentierte Helmut Kriha seine Rechercheergebnisse. Die Veranstaltung hätte mehr Besucher verdient, der guten Stimmung tat dies aber keinen Abbruch.

Groß-Zimmern - „Wer hier heute Abend rausgeht, ist ein bisschen schlauer als der Rest von Zimmern“, sagte Thomas Beutel am Freitagabend zur Begrüßung der Besucher beim „Verzaijlschesowend“ im Glöckelchen-Gewölbekeller. Von Julia Glaser 

Ortshistoriker Helmut Kriha berichtete lebendig und mit viel Detailwissen von Kerbbräuchen und -traditionen in und um Groß-Zimmern. „Überraschendes gibt’s zur Kerb selbst nicht zu sagen, aber dafür viel über das Beiwerk“, begann Kriha seinen Vortrag. Vierteljährlich besucht er das Löwensteinsche Archiv im Kloster Bronnbach bei Wertheim und beschäftigt sich mit historischen Dokumenten rund um die Ortsgeschichte Groß-Zimmerns. Dank seiner Recherche weiß man inzwischen etwa, dass die Zimmerner ihre Kerb seit mindestens 525 Jahren feiern. Am „Verzaijlschesowend“ ging es jedoch nicht nur um das Zimmerner Fest, sondern um Kerbtraditionen, aus dem ganzen Fürstentum Löwenstein.

Das erste Thema des Abends war das Datum der Groß-Zimmerner Kerb, die immer Ende August stattfindet. Wann genau Groß-Zimmern gegründet wurde, ist nicht bekannt. Wohl aber, dass die erste evangelische Kirche 1250 auf einem etwa zwei Meter hohen, künstlich erschaffenen Hügel erbaut wurde und dass ihr Kirchenpatron der Heilige Bartholomäus war. Die Kirche lag am Rand des ursprünglichen Ortsgebiets und war vom Herrschaftsgebiet Löwenstein und von Hessen-Darmstadt zu erreichen. Da beide Häuser regelmäßig in Konflikte gerieten, war die Kirche ein neutraler Ort. 1475 musste das marode Gebäude neu errichtet werden. Da das Weihedatum der ursprünglichen Kirche nicht mehr bekannt war, entschied man sich dafür, das Kirchweihfest, also die Kerb, am Gedenktag des Kirchenpatrons zu feiern: dem 24. August. Ortsherr war zu dieser Zeit der Graf von Erbach, der wiederum mit den Herren von Wallbrunn verwandtschaftlich verbunden war. Sie waren Dienstleute des Grafen und erhielten dafür neben Geld auch bestimmte Rechte. Dazu zählte auch es, auf der Zimmerner Kerb exklusiv Wein zu verkaufen. Dieses Privileg ließen sich die Herren von Wallbrunn in einer Urkunde von 1491 noch einmal bestätigen – dank des Dokuments wurde bekannt, dass Groß-Zimmern seine Kerb seit mindestens 525 Jahren begeht.

Zwänge und Bedrängnisse

Ausgelassen gefeiert wurde das Fest im Ort schon immer. Dazu kam, dass die Bevölkerung vielen Zwängen und Bedrängnissen ausgeliefert war: Ständige Konflikte zwischen Herrscherhäusern, die mitunter auch die Zwangsannahme einer neuen Religion bedeuten konnten, Unterdrückung, Hunger und Krankheit. „Einmal im Jahr mussten die Leute einfach, ganz salopp, die Sau rauslassen“, erklärte Kriha. Bei all der Ausgelassenheit blieb Ärger nicht aus: Streitigkeiten mit Todesfolge, versuchte Vergewaltigungen oder Schlägereien sorgten immer wieder für Unruhe auf den Kirchweihen im Umland. Kriha erzählte auch von der Anzeige eines Priesters, der den Tanz im Wirtshaus am Kerbsonntag anprangerte – was ein Schmunzeln bei den Zuhörern im Gewölbekeller hervorrief. Um diesen Unsitten ein Ende zu bereiten, gab es 1804 den Versuch, alle Kirchweihfeste auf dasselbe Daum zu legen. Dadurch sollte gewährleistet werden, dass die Bewohner eines Ortes keine andere Kerb besuchetn und dort Unruhe stiften konnten, jeder sollte seine Kerb bei sich im Ort feiern. Durchgesetzt hat sich diese Anordnung jedoch nicht.

Schon immer spielte auch die Musik eine wichtige Rolle. Fahrende Spielleute kamen in den Ort und verdienten sich ihren Lebensunterhalt. Von einem dieser Leute, dem Marionettenspieler Weber, erzählte Kriha, dass er sich gegen ein Schmiergeld bei einem Dienstherrn die Erlaubnis eingeholt hatte, auf der Zimmerner Kerb Geige spielen zu dürfen. Ein anderer Dienstherr widersprach dieser Erlaubnis, pfändete alle Geigen und ließ den Marionettenspieler aus dem Ort werfen. Um seine Rechnung im Wirtshaus zu begleichen, musste der sogar einen Teil seiner Kleidung zurücklassen. „Das nur als ein Beispiel, wie man damals mit den Leuten umgegangen ist“, kommentierte Kriha. Die Geschichte des Marionettenspielers hat er aus einem Beschwerdeschreiben, in dem sich die Dienstherren um die Kompetenzüberschreitung des jeweils anderen beschwerte und Anklage erhob.

Neues Projekt begonnen

Inzwischen hat Kriha ein neues Projekt begonnen. Christel Franze-Merlau von der Hessischen Familiengeschichtlichen Vereinigung aus Roßdorf hat in den letzten Jahren die Groß-Zimmerner Kirchenbücher übersetzt und nach Namen sortiert. Kriha hat sie bei diesem Projekt unterstützt. Das entstandene Buch ist gerade im Druck, zusammen mit Franze-Merlau will er darüber einen Vortrag halten. Im Zuge der Recherche ist Kriha auf eine „Rebellion“ in Zimmern gestoßen.

Die Geschichte: Groß-Zimmerner Bürger wurden von der Herrscherfamilie Löwenstein entführt und auf der Veste Otzberg festgesetzt, als Druckmittel gegen die Darmstädter. Die ließen daraufhin Bürger aus dem Löwensteinschen Gebiet entführen und festsetzen. Diese Auseinandersetzungen, die auf dem Rücken der Bauern ausgetragen wurden, eskalierten 1741 und gipfelten in einer Rebellion. In Groß-Zimmern gab es später eine Art „Nachrebellion“: Die Frau eines Steuererhebers wurde mit Schimpf und Schande aus dem Ort gejagt und dabei von den Dorfbewohnern mit Pferdeäpfeln beworfen.

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