Woran erkennt man Nazis?

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Rechtsradikale Texte hören sich die Neuntklässler im Rahmen der Ausstellung „Versteckspiel“ aufmerksam an.

Groß-Zimmern ‐ Laute Rhythmen dröhnen durch den Raum. Aufmerksam lauschen die Jugendlichen den Liedern, die ihnen Jakob Vogelsang vorspielt. Sie kennen die Musik, die von Metall über Hip-Hop bis zum Rap reicht. Ungewöhnlich sind jedoch Texte wie: „Nigger, Nigger, zurück an die Ketten. Nigger, als Sklave wirst du verrecken“. Gehezt wird gegen Juden, im „Polackentango“ wird gedroht: „Wir kommen wieder, im feldgrauen Ehrenkleid“. Von Ulrike Bernauer

Diese Lieder sind alle verboten“, erklärt der 20-jährige Vogelsang Neuntklässlern des Gymnasialzweigs der Albert-Schweitzer-Schule (ASS) beim Besuch der Ausstellung „Versteckspiel“, die in dieser Woche im Jugendzentrum zu sehen war. 15 Klassen der Gesamtschule besuchten dieses „Versteckspiel“. Am Montag wurde die Wanderausstellung eröffnet, die sich besonders mit Symbolen der heutigen Neonazis auseinandersetzt. Bürgermeister Achim Grimm erinnerte sich an eine Begegnung mit Rechten als er 18 Jahre alt war. „Beim Kirchentag in Berlin trat eine Gruppe Rechtsradikaler auf. Die schockierenden Sprüche sind mir heute noch im Gedächtnis“, berichtete er.

Das war wohl mit ein Grund, warum Grimm die Ausstellung nach Groß-Zimmern holte. „Heute sind viele Faschisten auf den ersten Blick nicht zu erkennen“, beschreib der Referent des Abends, Helge von Horn.

Neue Symbolik: Die Zahl 88 steht für den Hitlergruß

Die jungen Rechten mit Glatze, in Bomberjacke und Springerstiefel gäbe es zwar noch, aber meist kämen Skinheads und Neonazis inzwischen ganz anders daher. Nicht nur bei der Kleidung herrsche inzwischen ein „Versteckspiel“, auch die Symbole der Rechten hätten sich gewandelt und würden von vielen nicht als solche erkannt. Die Zahl 88 steht etwa für den Hitlergruß, weil der achte Buchstabe des Alphabets das H ist. „Dieses Symbol kannte ich, aber viele Zeichen wie die Rune oder der Thorhammer sind mir neu“, erzählte Bettina Vollmer. Die 17-jährige Schülerin war extra zur Ausstellungseröffnung von Groß-Bieberau angereist. Kilian Schaub und Orkum Sahin von der Schule auf der Aue würden die Ausstellung gerne zu sich nach Münsterer holen. „Der Elternbeirat ist dafür, jetzt muss sich noch das Kollegium dafür entscheiden“, so der stellvertretende Schulsprecher Sahin. Referent Horn demonstrierte rechte Jugendzeitschriften und erklärte: „Die kommen mit vielen Themen daher, die mit Politik zunächst nichts zu tun haben. Auf der Rückseite wurde Werbung für das DRK platziert, „Wahrscheinlich ohne deren Wissen. Erst bei aufmerksamem Studium merkt man, dass subtil Ausländerhetze betrieben wird “, so Horn. Auf die Musik ging der Referent besonders ein. Die spielt bei der Werbung für rechtes Gedankengut eine herausragende Rolle. Teilweise wurden kostenlose CDs mit rassistischen und rechten Liedern auf Schulhöfen verteilt. „Auch die Konzerte schweißen die rechte Szene zusammen“, erklärte Horn. Manche Veranstaltungen würden gar nicht erst angekündigt, weil sie wegen der volksverhetzenden Texte verboten würden.

“Inländer„ und “Ausländer„ sitzen getrennt

Am Dienstagvormittag waren Neuntklässler der ASS mit Lehrer Harald Beck zu Besuch. Viele von ihnen kommen aus Familien mit Migrationshintergrund. Der Jugendreferent der evangelischen Kirche, Dieter Staab, forderte die „Ausländer“ und „Inländer“ auf getrennt Platz zu nehmen - keiner fand daran zunächst etwas Ungewöhnliches. Äußerlich ließen sich viele „Ausländer“ von den „Inländern“ nicht unterscheiden, andere haben jedoch eine dunkle Hautfarbe, so wie eine weitere Besucherin.

Ihre Eltern kommen aus dem Kongo, die Schülerin ist hier aufgewachsen und hat einen deutschen Pass. „Ich habe Angst, jemandem zu begegnen, der so denkt“, meinte sie. Bisher habe sie zum Glück keine Erfahrungen mit Rechten gemacht und der Umgang in der Klasse untereinander sei okay, meinte sie.

Dem stimmte auch Alexander Toth zu. Der 15-Jährige hat ebenfalls eine dunkle Hautfarbe. „Ich habe keine Angst, weil es genug Leute gibt, die anders denken. Aber wenn man hier lebt, muss man schon offen sein und viel Selbstironie ist angesagt“, meinte er.

Was könnt ihr tun?

Konzentriert hörten sich die Schüler nicht nur die Texte an, aufmerksam verfolgen sie auch den Film über die neuen Rechten. Der zeigt „NPD-Größen“, wie den Bundesvorsitzenden Udo Voigt, wie er ins Publikum ruft: „Das deutsche Volk vereinen, Verräter hinwegfegen“, aber auch Aussteiger der rechten Szene, die über ihre Erfahrungen berichten. „Was könnt ihr tun?“, fragte Stab die Schüler und drückte seine Verwunderung darüber aus, dass es unkommentiert blieb, dass er am Anfang In- und Ausländern trennte. „Eigentlich hättet ihr da protestieren müssen“, versuchte er zu sensibilisieren. „Ich würde erst mal mit denen reden und fragen, ob sie überhaupt wissen, wofür sie stehen“, antwortete eine Schülerin. Alexander Toth will auf jeden Fall wählen gehen, wenn er 18 ist: „Jede nicht abgegebene Stimme ist eine verlorene Stimme. Die Rechten haben so viel Erfolg, weil sie geschlossen zur Wahl gehen“, meinte er.

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