Zimm’ner Kerb ist älter als Dieburger Fastnacht

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Dieses Dokument belegt, dass die Zimmerner Kerb bereits 1491 bekannt war.

Groß-Zimmern - Wie alt die Zimmerner Kerb tatsächlich ist, darüber gibt es bisher nur Spekulationen. Doch in diesem Sommer wurde Heimatforscher Helmut Kriha fündig. Von Gudrun Fritsch

„Heute ist vermutlich der heißeste Tag dieses Sommers und was ich Euch jetzt berichte, wird Euch weiter erwärmen. Es ist das Ergebnis einer schlaflosen Nacht, in der ich im Internet Neues aus den alten Zimmern suchte“, schreibt er und berichtet von einem Buch aus dem Jahr 1858: „Die Geschichte der Dynasten und Grafen zu Erbach und ihres Landes“ von Gustav Simon, einem evangelischen Pfarrer und begeisterten Historiker aus Michelstadt.

Auf über 486 Seiten erfährt man viel über die Geschichte der Grafschaft. Da von 1459 bis 1482 auch das Amt Habitzheim mit Groß-Zimmern ganz und danach bis 1528 zur Hälfte den Schenken zu Erbach gehörte, ist in dem Buch auch ein Teil Zimmerner Geschichte beschrieben.

Noch interessanter aber seien 300 Seiten mit Urkundentexten aus dem Erbachischen Archiv, meint Kriha. Dieses kam 1932 nach Darmstadt und verbrannte 1944 vollständig. Hier stieß Kriha, wie er sagt: „kurz vor dem Einschlafen“, auf einen Text (im Bild oben), der ihn hellwach machte: „1491, am 30. September. Hans von Walbron, Ritter, Burggraf zu Starkenburgh, reversirt sich dem Schencken Asmus, Herrn zu Erpach und Bickenbach, über das Schloß zu Ernsthofen mit seinen Zubehörungen, den Zoll zu Zymmern, vier Pfund Geld zu Spachbrucken und 3,5 Fastnachtshühner daselbst, den Zehnten zu Ziellhart und 3,5 Pfund Geldes daselbst. Gegeben „uff dorstag nechst nach Sant Michels tag, Anno d(omi)ni Tusent vier hundert Newntzig und ein Jare“.

Als Fußnote wird erwähnt: Das Siegel ist vorhanden. Das Wappen sind drei Wecke. Die Wallbrunne von Ernsthofen hatten auch ein Erbach. Burglehn zu Reichelsheim, bestehend in Weingülten zu Seheim und Jugenheim.

„Von dieser Urkunde wurde vom Autor des Buches im Gegensatz zu den meinsten anderen Urkunden nicht der Originaltext abgedruckt, sondern nur eine Zusammenfassung. Wahrscheinlich war ihm der Text nicht wichtig genug“, spekuliert Kriha.

Wichtig ist er aber gewiss für Groß-Zimmern, denn der oben genannte Hans von Walbron ist der Urgroßvater von Hans Adolph von Wallbrunn, der 1558 unverschämterweise sein Recht auf den Weinzoll am Vorabend der Zimmerner Kerb auf weitere Tage ausdehnen wollte und deshalb vom Keller (Verwalter) des Fürsten zu Löwenstein in die Schranken gewiesen wurde. In diesem Brief von 1558 ist zweimal erwähnt, dass diese Zollrechte „altes Herkommen“ sind, also vererbt wurden. Es ist also so gut wie sicher, dass diese Zollrechte identisch sind und bereits 1491 in Zimmern Kerbwein verkauft wurde. Vermutlich stammte der Wein von der Bergstraße, denn dort hatten die Herren von Wallbronn Wingerte zu Lehen, aus denen sie Weingült (Pachtzinsen) bezogen.

Seit wann die Wallbrunner das Zollrecht in Groß-Zimmern hatten, konnte nicht herausgefunden werden, in der Internet-Enzyklopädie Wikipedia gebe es aber unter „Herren von Wallbrunn“ eine ausführliche Beschreibung dieser Dynastie und dort sei erwähnt, dass der Vater von Hans von Walbron zwischen 1450 und 1480 Grundstücke und Rechte rund um den Otzberg aufkaufte. „Ich vermute, dass das Zollrecht auf den Kerbwein gleichzeitig mit dem Bau unserer Kirche 1475 erworben wurde und dass seitdem auch Kerb in Zimmern gefeiert wird“, meint Heimatforscher Kriha.

Aufgrund dieser Dokumente könne man mit gutem Gewissen behaupten, dass die Zimmerner Kerb seit 1491 dokumentiert ist, alles dank glücklicher Umstände: Wäre der Hans Adolph von Wallbrunn nicht so ein Drecksack gewesen („lest mal in Wikipedia, wie der mit seinen Untertanen umgegangen ist“), wären seine Rechte am Kerbweinzoll zu Zimmern 1558 nie erwähnt worden.

Hätte sich der gute Pfarrer Simon aus Michelstadt nicht so sehr für Geschichte interessiert, wäre das Dokument von 1491, das 1944 im Bombenhagel über Darmstadt verbrannte, wahrscheinlich nie veröffentlich worden. So ist beides erhalten und die Zimmerner können nun mit einigem Recht in Abwandlung eines Dieburger Fastnachtsliedes folgendes singen: „Erst seit 1508 feiert Dibborsch Fassenacht. Äwwer die Zimm’ner Kerb - ganz freundlisch git’s schun seit 1491!“

Vielleicht können die Kerbborschte nächstes Jahr zum 525. Jubiläum einen Kerbwein-Gedächtnismarsch von Seeheim nach Zimmern machen und auf dem Leiterwagen ein 100-Liter-Fass mitführen. Ein Zwischenstop sollte in Ernsthofen im alten Wasserschloss der Herren von Wallbrunn eingelegt werden.

Der Wein sollte gestiftet und dann an Kerb ausgeschenkt werden, zumindest das, was nach dem Marsch noch davon übrig ist.

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