Hans Diehl spielt den „Datterich“

Ein Schnorrer mit Shakespeare-Format

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Hans Diehl (links) als Datterich und Michael Quast als Dummbach

Frankfurt - Der Darmstädter Schriftsteller Ernst Elias Niebergall (1815 - 1843) wäre dieses Jahr 200 Jahre alt geworden. Von Stefan Michalzik

Grund genug also, seine berühmte Lokalposse „Datterich“ auf die Bühnen der Region zu bringen, etwa im Cantatesaal in Frankfurt, wo der gebürtige Offenbacher Hans Diehl die Titelrolle spielt.

„Hier wird“, sagt Hans Diehl, „noch richtig Theater gespielt.“ Erstmals in seinem Schauspielerleben wird er auf der Bühne eines Volkstheaters stehen, mit 74 Jahren. Das Theater heute? Davon hält er nicht viel, zumindest vom meisten jedenfalls, was auf den Bühnen der Stadt- und Staatstheater geschieht. Geprägt worden sei er von der Aufbruchszeit an der Berliner Schaubühne unter Peter Stein in den siebziger Jahren. Nun aber spielt er bei der Fliegenden Volksbühne von Michael Quast im Frankfurter Cantatesaal die zentrale Rolle in „Der Datterich“, der Lokalposse des Mundartdichters Ernst Elias Niebergall, Quast selbst gibt den Dummbach.

Hans Diehl ist ein ruhiger und bedachter Mann, er ist würdevoll gealtert. Er wirkt in jedem Moment ernst, seine Antworten sind überlegt. In festen Engagements, führt er gleich an, habe es ihn nie lange gehalten, mit Ausnahme der Schaubühne. Und auch da ist er immer wieder mal weggegangen und wiedergekommen. Vorher hatte er am Frankfurter Theater am Turm gespielt, unter Claus Peymann und seinem Dramaturgen Wolfgang Wiens, später noch einmal unter Wiens und Wolfgang Deichsel. Er hat an fast allen großen Bühnen gearbeitet, mit Regisseuren wie Luc Bondy, Klaus Michael Grüber und Michael Gruner, viel auch fürs Fernsehen und für den Film.

Eine künstliche Welt

Immer habe es aber auch eine Lebenssehnsucht außerhalb des Theaters gegeben. Das Theater war immer das Wichtigste, „aber das ist eine künstliche Welt, das Leben ist was anderes.“ Früh ist Diehl zusammen mit seiner heutigen Frau zu einer gut einjährigen Asienreise aufgebrochen, mit dem 2CV bis Indien gefahren. Später wollte er nicht, dass seine beiden Söhne - August hat den gleichen Beruf angenommen und ist zum Filmstar geworden - in der Großstadt Berlin aufwachsen. An seinem zweiten Wohnsitz in einem abgelegenen alten Bauernhaus in Südfrankreich lebt er noch heute für einen Teil des Jahres. Strom gibt es dort immer noch keinen.

Die 68er Jahre? Geblieben sei davon in erster Linie die Erinnerung. An eine extrem lebendige Zeit, auch was das Theater betrifft. Die bewegten Studenten hätten von der Kunst ja nichts wissen wollen, erinnert sich Diehl. „Die sind reingestürmt und haben das Mikrofon an sich gerissen.“ Es sei schon auch viel Blödsinn damals passiert. „Die Kunstfeindlichkeit, das war verblendet. Und manches von den libertären Erziehungsmethoden - haarsträubend. Aber es ist ein Befreiungsschlag gewesen, besonders angesichts der durch die Verwicklung in der Nazizeit belastete Generation der Väter“, so Diehl.

Theater in einer tiefen Krise

Nun also das erste mal Volkstheater. „Ich komme ja aus ‘nem ganz anderen Stall.“ Von Michael Quast und den Inszenierungen der Fliegenden Volksbühne zeigt er sich sehr begeistert. „Das hat ‘ne Kraft, das hat ‘ne Form.“ Das Theater befinde sich in einer tiefen Krise, schon lange. „Wie es da rauskommen soll, das weiß ich nicht.“ Die Sprache spiele keine Rolle mehr. Grob werde sie genutzt, als Träger von Information, mehr nicht. Es regiere das Schnellsprechen. Eine autonome Kunstsprache, das treffe man nur noch sehr selten an. „Ich kann nicht auf die Bühne gehen und spiele Hans Diehl. Was interessant ist, das sind Verwandlungen.“ Es mangle in der zeitgenössischen Dramatik an großen Erzählungen.

Geboren und aufgewachsen ist Diehl in Offenbach, als Sohn eines kaufmännischen Angestellten. In den vierziger und fünfziger Jahren haben die Jungs auf der Straße noch Dialekt gesprochen. Als junger Schauspielschüler habe er Mühe gehabt, sich den Dialekt abzugewöhnen, sagt Diehl. Nun sei es gar nicht so leicht, sich den wieder anzueignen.

Der Datterich ist zwar ein Schnorrer und Säufer. Aber, so Hans Diehl, er ist gebildet, er zitiert Shakespeare und Schiller, er inspiriere die Leute, deswegen geben sie sich mit ihm ab. Als eine shakespearehafte Figur stuft Diehl ihn ein, in einer Reihe mit Falstaff und Tobias Rülp. „Das ist ein Anarchist.“

Um ein explizit politisches Stück handle es sich bei der Posse nicht, es gebe aber Stellen, an denen auf die politische Unterdrückung in der Zeit des Vormärz verwiesen wird. Derlei Bezüge sollen nach Diehls Bekunden in der Inszenierung von Michael Quast und Sarah Groß hervorgekehrt werden: Wenn die Polizisten kommen, herrsche sofort eine gedrückte Stimmung. Von einer landläufigen Spielweise - Biedermeier und Butzenscheiben - wolle sich die Regie ausdrücklich absetzen. Sie beziehe sich auf die Tradition der Berliner Expressionisten, die das Stück des Büchner-Zeitgenossen (ein näherer Kontakt ist nicht verbürgt) in den 1920er Jahren für sich entdeckt haben.

Der „Datterich“ hat am 19. Februar Premiere im Cantatesaal Frankfurt. Weitere Aufführungen am 20., 21. 25. und 26. Februar jeweils um 20 Uhr, am 22. Februar um 17 Uhr sowie am 1. und 29. März jeweils um 17 Uhr, am 27. und 28. März jeweils um 20 Uhr sowie am 27., 28., 29. und 30. Mai jeweils um 20 Uhr

Quelle: op-online.de

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