Imre Kertesz’ „Liquidation“ in Frankfurter Kammerspielen

Unmögliches Leben

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Spurensuche im Nachlass eines Selbstmörders: Sabine Waibel und Till Weinheimer in „Liquidation“

Frankfurt - Imre Kertesz’ Stück „Liquidation“ handelt vom Leben danach. Von einer Existenz mit der traumatischen Erfahrung der NS-Konzentrationslager. Von Stefan Michalzik

Die österreichische Regisseurin Stephanie Mohr hat gemeinsam mit dem Dramaturgen Michael Billenkamp für die Kammerspiele des Frankfurter Schauspiels eine Theaterfassung des Romans geschaffen, mit dem der ungarische Schriftsteller und Nobelpreisträger, der als 15-Jähriger nach Auschwitz und später nach Buchenwald verschleppt worden ist, 2003 seine „Tetralogie der Schicksallosigkeit“ abgeschlossen hat.

Der Raum, Miriam Busch hat ihn entworfen, ist in einem planvollen kreuz und quer zugestellt mit sperrmüllhaftem Mobiliar aus Büro und Wohnung. In surrealistischer Manier zieht es sich auch an der Rückwand hoch, einige Tische und Stühle hängen kopfüber von der Decke herab. In der Rolle des Verlagslektors Keserü starrt Till Weinheimer übernächtigt in einen Computerbildschirm von antiquierter bauchiger Bauart. Wolfgang Michael führt als Erzähler mit dem ihm eigenen - wunderbaren - Manierismus einer gewissen Blasiertheit in die Geschichte ein.

Die ist vielfältig gebrochen und verschachtelt. Nicht um eine literarische Kunstfertigkeit zu behaupten, sondern wie in einer aus dem Stoff erwachsenen Notwendigkeit. Der Schriftsteller Bé, Ende 1949 in Auschwitz geboren, hat sich 1990 nach der politischen Wende in seiner Wohnung in Budapest umgebracht, nachdem er sich in der neuen Freiheit nicht zurechtgefunden hat. Er hinterlässt das Theaterstück „Liquidation“, eine Komödie in drei Akten, es spielt im Jahr 1999 und nimmt prophetisch Verstrickungen um den Lektor und Freund Keserü vorweg. Der geht davon aus, dass Bé einen Roman geschrieben hat, fahndet besessen nach dem Manuskript und muss am Ende erfahren, dass die einstige Ehefrau des Toten ihn auf dessen Geheiß hin verbrannt hat.

Albtraumhafte Schwebe

Stephanie Mohr tut gut daran, die Aufführung in einer albtraumhaften Schwebe zu belassen. Drei Menschen irrlichtern umher und finden kaum einmal zusammen. Jeder ein Planet für sich, gezeichnet von Verstörung. Die vielen Möbel sind im Weg; Sabine Waibel als Judith verschwindet in der Badewanne, viel Zeit verbringt sie dort, immer wieder fischt sie Schriftstücke hervor und richtet sich in verschiedenen Rollen auf, die ungeachtet unterschiedlicher Kostüme doch wie eine wirken.

Es gibt viele Pausen und keine Brechungen. Der Abend, nicht ganz zwei Stunden ohne Pause dauert er, wirkt monochrom. Nicht bleiern. Selten, mitunter kaum wahrnehmbar spielt eine Spur Musik hinein, die ambienthaften Klänge gehen auf Wolfgang Schlögl zurück.

Judith, selbst Jüdin, berichtet davon, dass bei einem Besuch in Auschwitz ihr alles vorgekommen sei wie eine Kopie des Originals. Wie eine Filmkulisse. Sie spricht von den absurden Zügen, die es mit sich bringt, wenn ein Konzentrationslager zur touristisch frequentierten Stätte wird. Nichts hat eine solche Kulisse mit der Wirklichkeit eines Lebens nach Auschwitz zu tun. Und mit seiner Unmöglichkeit. Das Theater vermag etwas, was dem Film nur in einzelnen Fällen gelingt: Den Schrecken der Vorstellungskraft des Zuschauers zu überlassen.

Nächste Aufführungen am 23., 24. und 30. November. Karten unter 069/21249494.

Quelle: op-online.de

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