Ausstellung in Frankfurts Schirn

Das Universum ist ein Gemälde

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Auch die Pop-Art hinterließ in den Werken der Affichisten ihre Spuren, wie in „La Moto“ (1965) von Jacques Villeglé und Mimmo Rotellas „La Tigre“ (1962)

Frankfurt - Unter dem Titel „Poesie der Großstadt. Die Affichisten“ stellt die Frankfurter Kunsthalle Schirn eine Kunstströmung vor, die ihr Ausgangsmaterial an Plakattafeln und Werbewänden von Paris und Rom fand. Von Carsten Müller

Vor dem schöpferischen Akt stand die Zerstörung: Zeitgenössische Filmbilder in Schwarzweiß zeigen den Künstler Jacques Villeglé, wie er mit Schwung an einer Plakatwand hochspringt, sich einen Zipfel des Papiers schnappt, das in vielen Schichten auftapezierte Material abzieht, zusammenrollt und damit verschwindet. Das erinnert an eine Performance. Tatsächlich bewegten sich die Künstler aber am Rande der Legalität.

Jacques Villeglè im Jahr 1963

Wie seine französischen Kollegen Raymond Hains und Francois Dufrène, der Italiener Mimmo Rotella und der Deutsche Wolf Vostell fand Villeglé sein Material an den Plakatwänden und Werbetafeln, die in den 1950er und 1960er Jahren zusehends die Städte eroberten. Die sogenannten Affichisten zogen abgewetzte, zerrissene und verwitterte Fetzen aus Leim, Papier und Druckfarbe von Tafeln, Wänden und Zäunen und machten diese zum Ausgangspunkt ihrer Kunst.

Die Fragmente wurden unverändert übernommen, zu Mosaiken gefügt, um Schrift oder Farbe ergänzt. So entstanden Werke von malerischem, grafischem und zeichnerischen Gestus, die kunstgeschichtliche Entwicklungen nachzeichnen. Rotellas Rückseiten aus pastosem Leim und durchschimmernder Farbe erinnern an abstrakte Landschaften des Informel, Villeglés von scharfen Schnitten durchzogene Schriftmontagen wirken wie Vorboten der Op-Art. Zu sehen ist auch, wie politische Propaganda, etwa zum Algerienkrieg, und die Pop-Art Einzug in die Werke der Affichisten hielten, etwa durch die Verwendung von Kinoplakaten. Marilyn und JFK sind auch in diesem Bilderkanon unverzichtbar.

Yoko Ono in der Schirn

Yoko Ono in der Schirn

Die in Kooperation mit dem Baseler Museum Tinguely konzipierte Ausstellung spannt in fünf Kapiteln einen zeitlichen Bogen von 1946 bis 1968. Villeglé und Kollegen kamen aus sehr unterschiedlichen Disziplinen. Sie hatten sich zuvor mit Dichtung beschäftigt, früh mit Fotografie und Film experimentiert, ebenso mit Typografie und Sprache, wie in einzelnen Kabinetten zu sehen und zu hören ist. Ein eigenes Kapitel widmet sich den Materialien und zeigt, wie die auf den Plakatwänden vorgefundenen Sedimente der Alltagsgeschichte künstlerisch anverwandelt wurden, von Rotellas rohen Leinwänden über Hains’ Zinkbleche und Holzpalisaden bis hin zu Vostells verbrannten Oberflächen.

„Poesie der Großstadt. Die Affichisten“ bis 25. Mai in der Kunsthalle Schirn, Frankfurt, Römerberg. Geöffnet: Dienstag, Freitag bis Sonntag von 10 bis 19 Uhr, Mittwoch und Donnerstag von 10 bis 22 Uhr.

Eine gemeinsame Arbeit der Künstlerfreunde Hains und Villeglés mit dem Titel „Ach Almata Manetro“ aus dem Jahr 1949 gilt als erster bis heute erhaltener Plakatabriss. Schon damals trat die Urheberschaft in den Hintergrund, denn aus Sicht der Künstler war das „ganze Universum ein Gemälde“ (Raymond Hains). Wie brisant die ihre Kunst war, belegt der Skandal, den Raymond Hains auf der Pariser Biennale 1959 auslöste, als er einen 17 Meter langen Bauzaun aufstellen ließ - und die Bewegung damit plakativ ins Blickfeld der Kunstwelt rückte.

Quelle: op-online.de

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