Menschen ohne Mitte

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In viereinhalb Stunden schlägt Hartmann einen weiten Bogen. Rollennamen gibt es keine, die Schauspieler stellen Typen und Haltungen dar.

Frankfurt - In Zeiten der Aufklärung hat die Religion ihren Wert verloren, an ihre Stelle sind Willkür und Schreckensherrschaft getreten. Dostojewskis „Dämonen“ begegnen dem Zuschauer im Frankfurter Schauspiel als Typen und Haltungen. Von Stefan Michalzik 

Karg ist der Raum und allzeit enorm gegenwärtig. Ein monumentaler finsterer Schlund. Immer wieder werden die turmhohe Fassade sowie eine simple, nach einer Seite hin offene Bretterhütte von sichtbarem Personal in neue Positionen gedreht und gewendet. Die Bühne rotiert, am Schluss hebt sie sich, und sie sinkt zur Grube herab. Für eine Szene senkt sich der Eiserne Vorhang, das Schauspielergrüppchen wird auf den schmalen Raum vor der ersten Zuschauerreihe gedrängt. Es verhält sich keineswegs so, dass die Figuren sich im monumentalen Aufbau samt erklügelter Lichtspiele und atmosphärischer Musik verlieren würden - aber sie bleiben einem seltsam fern.

Regisseur Sebastian Hartmann hat für das Frankfurter Schauspiel Dostojewskis 1871/72 erschienenen Roman „Dämonen“ bearbeitet, gemeinsam mit dem Dramaturgen Michael Billenkamp. Den Raum hat Hartmann selbst entworfen. Es geht ihm nicht darum, eine stringente Geschichte zu erzählen, vielmehr skizziert er ein Gesellschaftstableau - den zeitlosen Kern des Romans trifft er dergestalt. Es wird immens viel geredet, in Dialogen und Monologen, teils sind sie sehr lang. Da sprechen Menschen, denen mit Gott auch ihre Mitte abhanden gekommen ist. Mord und Selbstmord, Intrigen und Gewalt: Es mangelt an Werten, nachdem die Religion im Zeichen der Aufklärung nicht mehr in Anspruch zu nehmen ist. Das sozialrevolutionäre Gedankengut indes birgt, in den Fängen von fanatischen Geistern, skrupellose Willkür und Schreckensherrschaft in sich. Das Utopia des Revolutionärs Pjotr Werchowenskij ist ein nihilistisches.

Allesamt kreisen die Figuren um sich selbst. Sebastian Hartmann gelingen viele großartig sprechende Bilder. Der große dramaturgische Bogen zeichnet sich über die viereinhalb Stunden zwar ab, er ist allerdings nicht kräftig genug. Episoden und Intermezzi reihen sich. Immer noch ein und noch ein Bild. Der Ansatz ist fraglos ein starker. Im Detail allerdings fehlt es oft an einer Binnenspannung der Szenen. Da ist manches zu viel und vieles zu wenig. Nichts ist fataler als „komische“ Szenen, die nicht tatsächlich komisch sind.

Mit dem Text geht Hartmann frei um, er bündelt schon mal zwei Charaktere in einem, den Schauspielern sind in der Besetzungsliste keine Rollen zugeordnet, auch meidet er ein russisches Kolorit. Die Schauspieler - zentral: Michael Benthin, Isaak Dentler, Vincent Glander, Manuel Harder und Christian Kuchenbuch - markieren Haltungen, in typologisierender Weise.

Am Rande verliert sich manches in „Kabinettstückchen“. Als die Tochter der herrischen reichen Witwe Warwara Petrowna Stawrogina wider willen verheiratet werden soll, reagiert die junge Linda Pöppel mit einem wortlosen melokomischen Furor, der ab einem gewissen Übermaß nicht mehr zu amüsieren vermag. Heidi Ecks indes als Stawrogina gelingt in ihrer lakonischen Präsenz mehr als ein Scherenschnitt. Der behinderte Schauspieler Tolga Tekin, körperliche Unbilden eindrücklich überwindend, stapft wie ein Maskottchen durch die Aufführung. Die hat manches gegen und sehr viel für sich.

Quelle: op-online.de

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