Anekdoten würzen den Gemarkungsrundgang

Warum es in Altheim viele kleine Fenster gibt

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Gemarkungsrundgang in die Vergangenheit Altheims: Mehrere hundert Teilnehmer der beliebten Veranstaltung betrachteten ihr Heimatörtchen Dank fachkundiger Führung (rechts Kai Herd) mit anderen Augen.

Altheim - Der Begriff Dalles stammt vermutlich aus dem Hebräischen. „Dallut“ steht für Armut und Elend. Einen „Dalles“, Treffpunkt des einfachen Volkes, hat nahezu jede Gemeinde.

In Altheim rollt an diesem markanten Punkt an der Kreuzung zwar viel Verkehr, nun wogte jedoch eine große Menschenmenge über den Dalles. Der Gemarkungsrundgang führte diesmal nicht zu fernen Zielen, sondern mitten durch die Gemeinde. Mit dem Kunsthistoriker Kai Herd, der außerdem dem Heimat- und Geschichtsverein vorsteht, reisten gut 300 Zuhörer durch die Geschichte ihres Heimatortes. Der kurzweilige Rundgang endete, wo einst der Faselstall, das örtliche Schlachthaus stand. Hier lud die Hauptorganisatorin des Rundgangs, Simone Bohländer, zu herzhafter Kartoffelsuppe, Getränken und Gesprächen ein. Gemeinsam wurden Schätze geborgen. Denn Altheim, das deutlich älter als der große Nachbar Münster ist, hat eine Vielzahl schmucker Kostbarkeiten aus mehreren Bauepochen. „Bereits 1354 ist Altheim erstmals in einer Ablassurkunde des Papstes erwähnt“, erklärte Referent Kai Herd. Vermutlich ist der Ort weitaus älter, denn das bis heute erhaltene Langhaus der Altheimer Kirche stammt aus dem 10. Jahrhundert.

Kai Herd nutzte kleine Anekdoten, um seinen Vortrag zu würzen. Und er schulte das Auge der Teilnehmer für Indizien an zahlreichen Häusern, „die sogar Rückschlüsse auf politische und gesellschaftliche Verhältnissen zulassen.“ Etwa Fassadenelemente des alten neoklassizistischen Rathauses, die auf demokratische Tendenzen hinweisen. Oder das Wappen über dem ehemaligen Gasthaus zum Löwen. Zwei Löwen und drei rote Sparren auf goldenem Grund sind ein Indiz der Zugehörigkeit Altheims zur Grafschaft Hanau-Lichtenberg im 16. Jahrhundert. Warum sich an vielen Fassaden der heute überwiegend sanierten Fachwerkhäuser hier und da ein winziges, tief angebrachtes Fensterchen zeigt? Kai Herd analysierte: „Es geht das Gerücht, die Altheimer wären sehr neugierig gewesen!“ Diese These erntete zwar zustimmendes Gelächter, wurde jedoch sofort widerlegt. „Altheim war ein Weberdorf, die Frauen spannen Flachs und vermutlich war man dankbar, mit einem zusätzlichen Fenster mehr Licht am Webstuhl zu haben.“

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Das neoklassizistische Rathaus ist ein besonderes Kleinod. Nachdem es mehrere Jahre leer stand, wurde es im Frühjahr durch die Künstler Roger Rigorth, Kristin Wicher und Ellen Jöckel mit neuem Leben erfüllt. Der Wandel vom Rathaus zum ARThaus macht das ehemalige Verwaltungsgebäude nun wieder der Bevölkerung zugänglich. Aber: Der Zahn der Zeit knabberte am Walmdach, den säulenähnlichen Vorsprüngen und Rundbogenfenstern der schmucken Immobilie. Bürgermeister Gerald Frank bezifferte die Sanierungskosten am denkmalgeschützten Haus auf 300.000 Euro. Für die Dachsanierung stehen im laufenden Haushalt 40.000 Euro zur Verfügung. Wie es weiter geht, darüber soll das Gemeindeparlament im November befinden. Eine große Chance sei ein EU-Programm zur Förderung des ländlichen Raums, für das sich die Gemeinde bewerben möchte. Frank: „Unser Ziel ist es, das Gebäude innerhalb von zwei bis drei Jahren zu sanieren.“ Auch die Künstler wollen helfen und plädierten für ein neues gesellschaftliches Selbstverständnis unter kulturellem Banner. Roger Rigorth: „Ich möchte alle einladen einzutreten, sobald die Türe offen steht.“

ula

Quelle: op-online.de

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