Flüchtlinge wechseln in neu geschaffene Wohnungen

Endlich Auszug aus Altheims Halle

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Nichts wie raus: Kaum waren die Umzugsbusse angekommen, packten die drei Monate in der Altheimer Halle untergebrachten Flüchtlinge ihre Habe und verließen das Domizil, das für sie so überhaupt keine Privatsphäre ließ.

Altheim - Nach fast genau drei Monaten verließen gestern Vormittag die in der Sport- und Kulturhalle Altheim notuntergebrachten Flüchtlinge ihre provisorische Heimstatt. Von Thomas Meier 

Von den am 26. November dort eingewiesenen 39 Flüchtlingen waren es gestern noch 26, die in eine jetzt fertiggestellte Flüchtlingsunterkunft nach Münster umziehen konnten. Nach drei Monaten Unterbringung in einer Sporthalle, die kaum so etwas wie eine Privatsphäre zuließ, war den bis zuletzt verbliebenen Flüchtlingen aus sechs Nationen die Erleichterung ins Gesicht geschrieben. „Dafür, dass hier Männer und Frauen aller Altersgruppen aus verschiedensten Kulturkreisen spartanisch untergebracht waren, lief die Zeit relativ glimpflich ab“, freute sich am Morgen Jan Stemme, Gemeindevorstandsmitglied und ehrenamtlicher Asylbetreuer im Dauereinsatz. Und auch Detlef Pröve, Leiter des Amts für Soziales und zuständig für Sport und Kultur sowie die Kinder- und Jugendförderung, betont, alles sei sehr human gelaufen. Doch beide gestehen ein: „Die Leute hier sind mittlerweile am Limit.“ Die drei Monate Verweildauer in der großen Sammelunterkunft nach all den Strapazen der Flucht sei sicher für niemanden erholsam gewesen, sind sie sich einig.

Auch wenn er lacht, weil er sich über den Umzug in eines der in der Darmstädter Straße hergerichteten sechs Zimmer freut, in denen die 26 Hallen-Flüchtlinge nun untergebracht werden, sagt der Algerier Kalid: „Das ist es nicht, was ich mir von Deutschland und meiner Flucht aus meinem Land erhofft habe.“ Kalid spricht gut die deutsche Sprache. Gelernt habe er sie in Altheim, meint er verschmitzt, doch ein paar Brocken brachte er wohl bereits aus seiner Heimat mit. Dort waren es „politische Dinge“, die ihn zum weiten Weg aufbrechen ließen, doch nach den drei Monaten Altheim „will ich heim. Schnell zurück.“ Die Halle sei für ihn die Hölle gewesen. Vor allem der anderen Flüchtlinge wegen. Sie hätten „keine Kultur, kein Benehmen“, klagt er, eingestehend, dass seine Kultur auch wenig mit der deutschen gemein habe. Der 48-Jährige steht in engem Kontakt mit seinen algerischen Verwandten, hat Aussicht auf einen Arbeitsplatz und großes Heimweh.

Kalid (vorn) möchte nur noch zurück in seine Heimat Algerien. Er hatte sich etwas anderes von seiner Flucht ins viel gelobte Deutschland erhofft.

Zumindest seine Freude über den Auszug aus der Halle teilen alle anderen Flüchtlinge, die aus Syrien, Irak, Eritrea, Afghanistan oder Somalia kommen. Getrennt voneinander durch dünne Stoffbahnen zwischen den in der Halle aufgestellten Bauzäunen, sich eine Sanitäranlage teilend, doch ansonsten in der großen Sporthalle intimlos zusammengepfercht, reicht ihnen diese unnatürliche Nähe. Kaum Rücksicht konnten ihre Herbergsväter auf Ethnien oder Geschlecht nehmen. Zwei Ehepaare lebten unter den vielen Heranwachsenden oder jungen Männern, ein Ehepaar bis gestern, vier Frauen hausten zuletzt unter 22 Männern.

Auch Schwangere waren in den Anfangstagen in der „Kulturstube“ Altheims untergebracht. Und eine junge Flüchtlingsfrau verließ gar unverhofft die Notunterkunft in „guter Hoffnung“, wissen Hallen-Mitbewohner zu berichten. „Klar, dass die Menschen Bedürfnisse haben, Emotionen, die sie nicht unter solchen Bedingungen ausleben können“, sagt Pröve. Klar auch, dass gelebt wurde. Und, betrachtet man es von dieser Warte aus, sei doch letztlich alles prima gelaufen. Wie es weiter geht? Das liegt jetzt auch am Kreis. Er muss die Entscheidung mittragen, ob die Sport- und Kulturhalle nach dreimonatiger Auszeit wieder zur eigentlichen Bestimmung zurückgeführt werden kann, oder ob nochmals Flüchtlinge hier untergebracht werden müssen. Gibt der Landkreis Entwarnung, wird die Halle umgehend wieder in ihren Ursprung zurück versetzt. Die Bauzäune sind schon draußen, der Hallenboden – extra übers Parkett verlegtes Linoleum – müsste ausgebaut und für neue Bestimmungen zwischengelagert werden. Und dann fehlte noch die Endreinigung und das Desinfizieren.

Flüchtlingsunterkunft in Sport- und Kulturhalle Altheim: Bilder

Amtsleiter Pröve: „Ich denke, zum Wochenende spätestens dürfte dann wieder der Normalbetrieb einkehren.“ Der war seit 26. November radikal unterbrochen. Der Schulsport musste für die benachbarten Regenbogenschüler ins Freie verlegt werden oder ausfallen, ganz kompensiert werden konnte die fehlende Halle nicht. Die Vereine konnten „ihre“ Halle weder für Sport noch Kultur oder gar Fastnacht nutzen.

Nun, die Chancen stehen nicht schlecht: Die Unterkunft für rund 90 Flüchtlinge, an der in der Darmstädter Straße seit Wochen intensiv gearbeitet wird, ist weitgehend fertig. Hier zogen auch die Altheimer ein. Die Unterkunft für 120 weitere Asylbewerber in der Goebelstraße soll Anfang Mai bezugsfertig sein. Kommen noch 45 dezentrale Unterkünfte hinzu. Doch werden die geschaffenen Plätze nicht lange reichen, weiß Detlev Pröve. Fürs erste Quartal rechnet die Gemeinde mit weiteren 117 Zuweisungen von Landkreis, im ersten Halbjahr mit 300. „Da müssen wir weiter ran“, sagt der Amtsleiter.

Quelle: op-online.de

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