Interview mit Bürgermeister Gerald Frank

„Ich will für Münster mehr Flair“

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Blickt auf 100 Tage Amtszeit zurück: Münsters neu gewählter Bürgermeister Gerald Frank.

Münster - Langer Ball aus dem Halbfeld, Brustannahme und Volleyschuss in den Winkel: Als der Mitarbeiter dieser Zeitung das Büro von Gerald Frank betritt, zeigt der neue Bürgermeister Münsters erst einmal auf die aktuelle „Offenbach-Post“. Von Jens Dörr

Dort zu lesen: ein Artikel über Erwin Kostedde, in den Siebzigern Deutschlands erster dunkelhäutiger Fußball-Nationalspieler. An den 3:2-Treffer Kosteddes für Kickers Offenbach im Bundesliga-Spiel gegen das damals übermächtige Borussia Mönchengladbach im Jahr 1974, der dann auch zum „Tor des Jahres“ gewählt wurde, erinnert sich der gerade 56 gewordene Sozialdemokrat noch genau. Kein Wunder: Er war damals live im Stadion dabei.

Dann, gut 100 Tage nach seinem Amtsantritt am 5. Oktober, setzt sich der Rathaus-Chef zum Gespräch.

Herr Frank, wie beginnt Münsters neuer Bürgermeister eigentlich seinen Tag?

Ich werde immer um die 6 Uhr wach, auch wenn ich mir keinen Wecker stelle. Das war schon bei meiner vorherigen Arbeit für die Stiftung Deutsche Sporthilfe in Frankfurt so. Als meine Zwillinge noch klein waren, war das die einzige Zeit am Tag, zu der ich in Ruhe Zeitung lesen konnte. Damit beginne ich nun meinen Tag im Rathaus, wo ich meist zwischen 8 und 9 Uhr eintreffe. Abends geht’s dann auch mal bis 22 Uhr, zudem sind am Wochenende viele Veranstaltungen - da hat Münster viel zu bieten.

Was hat sich für Sie privat ansonsten verändert?

Es ist schon ein Gewinn an Lebensqualität, dass ich jetzt nicht mehr jeden Tag 40 Kilometer nach Frankfurt hin und zurück fahren muss. In fünf Minuten bin ich am Arbeitsplatz. Ich bin in gutem Fitnesszustand ins Amt eingestiegen und habe mir vorgenommen, das zu halten. Am Wochenende absolviere ich eine Laufeinheit und gönne mir mittwochs oder donnerstags eine längere Mittagspause von zwei Stunden, in der ich ebenfalls eine Runde laufe.

Im Gemeindeparlament und in den Ausschüssen sitzen Sie nun nicht mehr in der Fraktion, sondern vis-à-vis. Wie gehen Sie damit um?

Als ich in der Fraktion saß und Walter Blank Bürgermeister war, war mein Leitmotiv immer sachliche Kritik. Zudem habe ich stets zum Ausdruck gebracht, dass ich Riesenrespekt vor allen Gemeindevertretern und dem Gemeindevorstand habe. Alle machen das ja ehrenamtlich mit erheblichem Zeitaufwand für die Allgemeinheit. Nicht nur die Repräsentanten meiner Partei sind mir wichtig. Die Demokratie lebt davon, dass Konsens gesucht und keiner an den Rand gedrängt wird. Man kann ohnehin nicht immer einer Meinung sein, das ist übrigens auch innerhalb der Fraktionen so.

Machen im Wesentlichen nicht die Abgeordneten Münsters Politik? Wo sind alltäglich die Möglichkeiten und Grenzen des Bürgermeister-Amts?

Generell darf man das Amt nicht auf die leichte Schulter nehmen - immerhin hat die Gemeinde einen 22-Millionen-Euro-Haushalt. Als Bürgermeister kann man vieles initiieren, obgleich natürlich zum Beispiel bei größeren Bauvorhaben die Gemeindevertreter das letzte Wort haben und die Verwaltung dann für die Umsetzung sorgen muss. Im Kleinen aber kann ich zusammen mit den Abteilungsleitern, der Verwaltung und auch dem Bauhof - hier habe ich ein wirklich tolles Team angetroffen, das mich sehr gut aufgenommen hat und bei dem ich mir bei vielem Rat holen kann - einiges direkt umsetzen.

Ein Beispiel aus den ersten 100 Tagen?

Wir haben beispielsweise den Rathaus-Platz aufgeräumt. Dort standen Blumenkübel aus Waschbeton, die waren hässlich und mussten aufwändig gepflegt werden. Das hat uns bislang 3 800 Euro pro Jahr gekostet. Das sparen wir jetzt.

Was kommt bislang zu kurz?

Es ist leider so, dass ich bei all den Terminen, Gesprächen und Sitzungen - nicht nur in Münster, sondern beispielsweise auch in der Bürgermeister-Dienstversammlung der Landkreis-Bürgermeister – manchmal für meinen Geschmack zu wenig am Schreibtisch sitze. So kommen mir konzeptionelle Dinge etwas zu kurz. Ich bin mit einem riesengroßen Ordner mit Themen reingekommen.

Zu welchen Themen haben Sie Ideen und Konzepte mitgebracht?

Zum Beispiel zum Sponsoring des neuen Kulturprogramms der Gemeinde, das zuletzt ja aus dem Nichts aufgebaut wurde. Ein weiteres Thema ist die Ortsentwicklung insgesamt, nicht nur am Mäusberg und der damit verbundene Neubau eines Sportzentrums. Auch dass Läden und Geschäfte in den Ortskern kommen, das Hallenbad als wichtiger Standortfaktor erhalten bleibt und wir eine Willkommenskultur für Neubürger schaffen, ist mir wichtig. Bei alldem kommt es mir darauf an, dass nicht nur von heute auf morgen, sondern weit in die Zukunft geschaut wird. Münster besitzt gute Chancen, viele Dinge muss es aber nachholen, neue Wege beschreiten. Münster hat eine gute Zukunft vor sich, soll aber raus aus dem Graue-Maus-Image. Ich will, dass Münster mehr Flair bekommt.

Inwiefern müssen Sie sich in Ihrer neuen Führungsrolle noch zurechtfinden?

Gar nicht so sehr, ich war ja auch bei der Deutschen Sporthilfe über viele Jahre in einer Führungsposition, hatte eine sehr kommunikative Rolle. Auch dort habe ich im Rahmen eines Gutachterausschusses Beschlussvorlagen diskutiert, mit diversen Aufgaben vom Fundraising bis zur Mitarbeit bei Events zu tun gehabt. Dort habe ich viel gelernt, was ich auch jetzt nutzen kann. Vor allem bin ich ein klassischer Teamworker.

Haben Sie noch Kontakt zu Ihrem Vorgänger Walter Blank?

Wir hatten vor meinem Amtsantritt ein, zwei Gespräche, sehen uns seither ständig bei allen möglichen Veranstaltungen. Das läuft alles fair und sachlich. Wenn ich eine Frage habe, steht er mir zur Verfügung.

Haben Sie Ihre Kandidatur schon einmal bereut?

Überhaupt nicht. Ich bin jeden Tag topmotiviert, voller Energie und es macht mir Riesenspaß. Ich genieße jeden kleinen Fortschritt.

Bürgermeisterwahl im Juni 2014

Stichwahl in Münster: Gerald Frank gewinnt

Quelle: op-online.de

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