Tunnel für die Kröten

Amphibien überqueren die K180 gefahrlos 

Eppertshausen - Jetzt ist wieder die Zeit der Amphibien-Wanderungen. In Eppertshausen ist diese für die Tiere mittlerweile weitgehend ohne Gefahr: Mit der Sanierung K180 Richtung Messel wurde 2012 eine hunderte Meter lange Leiteinrichtung aus Beton inklusive sechs Unterführungen zum Rallenteich errichtet. Von Michael Just 

Die Helfer Roswitha und Alexander Groh an der Monitoring-Station Richtung Messel.

Dennoch lassen sich dort täglich Helfer der Naturschutzsparte des Odenwaldklubs beobachten. „Monitoring“ nennen die Fachleute das Zählen der Kröten und Frösche, um deren Ab- und Zunahme festzustellen, wie Jürgen Reinecke informiert. Zum Zählen werden die Tiere am dritten Tunnel, der ungefähr in der Mitte der Leitanlage liegt, zu einem Eimer geführt, in den sie reinfallen. Dass den Naturschützern jene Amphibien entgehen, die durch die anderen Tunnel kommen, macht nichts: Ihre Zahl wird rechnerisch kompensiert. Dafür wurde ein Multiplikationsfaktor entwickelt, dessen Mittelwert nahe am tatsächlichen Aufkommen liegen dürfte. Als die Tiere noch getragen wurden, fand eine exakte Zählung statt. Vor allem durch die stark zurückgegangenen Helfer lassen sich genaue Zahlen heute nicht mehr sagen.

Seit dem 6. Februar sind die Leuchtwestenträger im Einsatz. Als das Thermometer kurzfristig auf über zehn Grad kletterte, animierte das die ersten Hüpfer zum Wandern. Bald sank das Quecksilbers jedoch wieder an die Frostgrenze. Zuversicht kam am 26. März auf: „Endlich bewegen sich die Amphibien Richtung Rallenteich“, hieß es da. „Wir gehen davon aus, dass bis jetzt ein Drittel der Tiere da ist“, sagte Reinecke am letzten Wochenende. Noch immer wartet er auf die erste warme und regnerische Nacht des Jahres, die als Nacht der Nächte einen Massenstart auslöst.

Die einzelnen Arten weisen große Unterschiede auf, wann sie losziehen, in welcher Menge sie kommen und wie lange sich ihr Wanderzeitraum ausdehnt. So marschiert die Erdkröte in der Nacht der Nächte als Armee. Eher vereinzelt rücken die Frösche an. Sie stellen mit dem Gras- und dem Springfrosch Anfang Februar auch die ersten Zieleinläufer. Bisher folgten im März die Erd- und Knoblauchkröte, dazu die Molcharten. Im April sagten sich zu guter Letzt Kreuz- und Wechselkröte sowie Laub-, Teich-, Wasser- und Seefrosch an. Die Betonung liegt auf „bisher“: „Durch den Klimawandel hat sich spürbar alles um ein paar Wochen nach vorne verschoben“, sagt Reinecke. Auch bei der Rückwanderung gibt es Unterschiede: Neben der großen Bewegung im Herbst ziehen viele Jungtiere schon in den Sommermonaten los. Nach dem Ablaichen hält es die Erdkröte nicht allzu lange im See: Als klassischer Waldbewohner drängt es sie zurück unter den Schutz der Bäume. Andere Alttiere bevorzugen separate Sommerquartiere, wo es ihnen besser als an ihrem Geburtsgewässer gefällt.

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Insgesamt ist die Zahl der Amphibien am Rallenteich rückläufig. Der Spitzenwert von 4 792 Tieren aus 1 999 wurde bis dato nicht mehr erreicht. Mit 2 859 Exemplaren war 2006 nochmal ein Ausreißerjahr. 2010 kündigte sich der bisher niedrigste Wert mit 1 106 Lungenatmern an. 2014 vermerkte der OWK eine geschätzte Summe von 1 542 Tieren. 2015 lag diese bei 1 419. Die Aufzeichnungen brachten, neben dem markanten Auf und Ab der Gesamtzahlen, auch erhebliche Schwankungen bei den einzelnen Arten hevor. So sank die Zahl von 2 495 Erdkröten (1999) auf 698 (2004). Seltsamer Weise stieg die Froschpopulation parallel an. 2004 wurden mit 750 Fröschen fast doppelt so viele gezählt wie sechs Jahre zuvor. Erklären können sich die Naturschützer die Schwankungen nicht. Signifikante Zusammenhänge, etwa mit dem Wetter oder epidemischen Hauterkrankungen, blieben Spekulation. An der mangelnden Konstanz am Rallenteich hat sich nichts geändert: 2015 fehlte rund die Hälfte der Erdkröten zum Vorjahr (runter von geschätzt 1 200 auf 600). Dafür tat sich bei den Molchen das Zehnfache auf. Wie die Ergebnisse zeigen, hütet die Natur noch Geheimnisse, hinter die die Menschen noch nicht geblickt haben.

Quelle: op-online.de

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