Unter Naturschutz stehende Brutkolonie nicht mehr zurück

Der große Abflug der Saatkrähen

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Abflug der Saatkrähen: Ihrer Brutbäume beraubt, kehrten sie dem Ort den rabenschwarzen Rücken.

Münster - Nachdem die schon zuvor seltenen Saatkrähen Ende der 70er Jahre in Deutschland fast ausgerottet waren, siedelte sich eine Kolonie 2008 am Naturschutzgebiet Münster an. Sie wuchs auf 52 Brutpaare an, bis die Gemeinde die Pappeln 2014 schlagen ließ, die der Population zum Nestbau diente. Von Thomas Meier 

Zunächst wichen die Vögel aus, um nun jedoch komplett auszubleiben. Ein herber Rückschlag für den Naturschutz. Die Saatkrähe ist von Irland und Großbritannien über Frankreich und Nordspanien bis in die Steppen der Altairegion verbreitet. Sie fehlt in der Südschweiz, in weiten Teilen Österreichs und in Italien. Und neuerdings auch wieder in Münster: „Über sieben Jahre – von 2008 bis 2014 – brüteten die Saatkrähen mit einer stetig wachsenden Zahl an Brutpaaren im Bereich der Gemeinde. 2015 kehrten sie nicht zu ihren Brutplätzen zurück. Ein schwerer Rückschlag für unsere Schutzbemühungen.“ So das traurige Fazit des zweiten Vorsitzenden des Naturschutzbundes Münster, Matthias Kisling, nachzulesen auch auf der Internetseite der Ortsgruppe unter www.nabu-muenster-hessen.de.

Über die Gründe des Fortzuges der so selten gewordenen Spezies will er nur spekulieren, doch als erste Vermutung gilt auch dem Nabu: „Waren es die Baumfällungen am Rande der Brutkolonie im Frühjahr 2014?“ Allerdings kämen immer wieder mal überregionale Verschiebungen des Brutgebietes bei Saatkrähen vor, wird eine Ausnahme des Verhaltens ins Feld geführt. Gab es Probleme im Winterquartier, fragen sich die Naturschützer, und bang: Ist 2015 nur ein Ausnahmejahr – kehrt die Kolonie vielleicht 2016 zurück?

Einer von einem Dutzend niedergemachter Pappelstämme, die einst der Saatkrähen Nester trugen. Das kurzfristige Ausweichquartier im Hintergrund wurde ebenfalls verlassen.

Tatsache ist, dass der Wegzug der seltenen Population unmittelbar nach den von der Unteren Naturschutzbehörde nicht genehmigten Fällaktion der Gemeinde eintrat. Die Gemeinde kündigte zwar im Vorfeld ihrer Aktion an, begründet mit nicht mehr gewährleisteter Standfestigkeit der Pappeln am Wirtschaftsweg am Naturschutzgebiet „Auf dem Sand“, wurde jedoch zunächst vom Kreis wegen der unter Naturschutz stehenden Saatkrähenkolonie am Vorhaben gehindert. In einer Wochenendaktion, in der der damalige Bürgermeister dann „Gefahr im Verzug“ sah, wurden gefällte Realitäten geschaffen. Die Krähen zogen sich noch kurzfristig auf benachbarte Bäume zurück, um jedoch in diesem Jahr der Gemeinde den rabenschwarzen Rücken zu kehren.

Die Saatkrähe ist in Hessen ein seltener Brutvogel, der nur spärlich mit einigen Kolonien entlang der Flüsse Main und Kinzig vertreten ist. „Münsters Brutkolonie war die einzige hessische südlich des Mains“, weiß Matthias Kisling, der sich erinnert, wie groß die Freude unter den heimischen Naturschützern war, als 2008 die ersten Saatkrähen an den Hergershäuser Wiesen gesichtet wurden. Die Altvögel der Saatkrähen unterscheiden sich von den häufigen Rabenkrähen vor allem durch den hellgrauen Schnabel. Zudem brüten sie in Kolonien, alle Brutvögel bauen nah beieinanderliegende Nester im Kronenschluss einzelner, hoher Laubbäume, wie man es an der Altheimer Straße perfekt beobachten konnte.

Rares Auftreten hat Gründe

Der Grund für das rare Auftreten der Spezies: Bis 1976 wurde die Saatkrähe, wie auch alle anderen Rabenvögel, stark vom Menschen verfolgt. Neben der ganzjährigen Bejagung wurden in der Brutzeit die Nester „ausgeschossen“, Giftköder ausgelegt und die Vögel in großen Massenfallen eingefangen und getötet. Hinzu kam die Intensivierung der Landwirtschaft. Besonders der Einsatz von Pestiziden führte zur Anreicherung der Schadstoffe in den am Ende der Nahrungskette stehenden Vögeln und ihren Gelegen. Die Saatkrähe wurde ein sehr seltener Vogel. Schon lange ist die Jagd nach dem „neuen Exoten“ in Deutschland verboten. Doch weil es Abschusszeiten für die ordinäre Krähe gibt und viele Freiwildschützen sich wohl nicht so genau auskennen, fallen auch immer wieder Saatkrähen solch wüstem Beschuss zum Opfer.

In Münster vertrieb anderes den mühsam wieder angesiedelten Bestand. Saatkrähen konnten hier vor 2008 nur während des Herbstzuges beobachtet werden. Ein erster erfolgloser Brutversuch eines Saatkrähen-Paares im Kreis war 2003 in Semd. „Am 9. Juni 2006 wurde zwischen Münster und Altheim ein Paar mit flüggen Jungen beobachtet“, heißt es in Münsters Nabu-Aufzeichnungen. Ab Mitte Juni 2006 wurden im Naturschutzgebiet „Auf dem Sand“ ständig ein Dutzend Altvögel beobachtet, die bettelnde Jungvögel mit sich führten. Das Gleiche wiederholte sich 2007.

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Dann endlich: „Am 20. März 2008 konnten mehrere adulte Saatkrähen beim Nestbau auf Pappeln am Wirtschaftsweg Auf dem Sand beobachtet werden. Binnen weniger Tage waren sechs Nester fertiggestellt. In einer Entfernung von 200 Meter wurden weitere fünf Nester in einem Pappelwäldchen angelegt. Eine kleine Kolonie mit elf Brutpaaren war entstanden“, vermeldete der Nabu stolz. In den folgenden Jahren stieg die Kolonie auf etwa 52 Paare bis 2014 an. Dann kamen Münsters amtlich bestellte Holzfäller. Der Nabu hatte ein Schutzkonzept für die Kolonie erstellt und hoffte, dass die Bestände dieser Vogelart wieder zunehmen würde und die Art in einigen Jahren nicht mehr vom Aussterben bedroht sei. Doch selbst nach solch fatalen Rückschlägen für die Schutzbemühungen gilt: Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Quelle: op-online.de

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