Hildegard Stumm sucht Grab ihres Urgroßvaters auf

Reise in kriegswirre Vergangenheit

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Hildegard Stumm mit einem Bild ihres Besuchs am Kriegsgrab des Urgroßvaters bei Riga. Begleitet wurde sie von ihren drei Töchtern.

Münster - Vor 100 Jahren fiel Hildegard Stumms Großvater im Ersten Weltkrieg auf dem Schlachtfeld nahe Riga. Jetzt besuchte die 83-Jährige mit ihren drei Töchtern das Grab des Urahnen. Von Thomas Meier 

Ein Neffe brachte die Münsterin auf die Idee zur bedeutsamen Reise in die eignene Vergangenheit, denn zu so einer geriet der Ausflug, auch wenn sie diesen Vorfahren nie kennenlernte und auch ihr Vater nur wenig über den Urgroßvater ihrer Töchter erzählen konnte. Hildegard Stumm ist geborene Frühwein und kann dank ihres Neffen Stephan jetzt auf Ahnen dieses Namens bis ins Jahr 1729 zurückblicken. Solange mindestens gibt es schon Frühweins an der Gersprenz.

Der Neffe wollte vor wenigen Jahren wissen, ob es in der Familie eigentlich einen Stammbaum gebe. Und löste damit eine Ereigniskette aus. Denn schon beim Urgroßvater von Hildegard Stumm, Michael Josef Frühwein, begannen die Fragen. Geboren 1881 in Münster, gefallen 1916 irgendwo in Lettland. Viel wusste man nicht, denn der Gefallene hinterließ zwar eine Familie, doch war der Vater von Hildegard Stumm, Josef Frühwein, gerade einmal acht Jahre alt, als sein Vater in der Fremde Opfer eines Scharmützels wurde.

Hildegard Frühweins Neffe stieß bei seinen Nachforschungen auf wertvolle Informationen der Kriegsgräberfürsorge. Deren Recherchen hatten ergeben, dass es etwa 40 Kilometer von der Lettischen Hauptstadt entfernt in einem Birkenwald ein kleines Gräberfeld gebe. Eine Grabinschrift trage den Namen Michael Josef Frühwein. Nun wurde Kontakt mit dem Goetheinstitut in Lettland aufgenommen, der Neffe reiste im vergangenen Jahr ins Baltikum an die Düna, heute Daugava. Und als er zurück gekommen Hildegard Stumm Bilder des Grabmales mit dem Todesdatum 21. Febraur 1916 zeigte, stand ihr Entschluss fest: Zum 100. Todestag wollte auch sie das Grab aufsuchen.

Doch so einfach gestaltete sich das Vorhaben nicht. Denn ihre Töchter wollten sie begleiten, und für einen Besuch im Winter war das Unterfangen denkbar ungeeignet. Die zwölf Betonstelen für die im Februar vor 100 Jahren gefallenen deutschen Soldaten, die das Mahnmal ausmachen, stehen fernab von Riga in einem kleinen Birkenwäldchen.

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„Also wurde alles organisiert und terminiert,“ erinnert sich Hildegard Stumm an die Reisevorbereitungen. Ihre Töchter Lydia (60), Maria (58) und Hildegard (54) stimmten ihre Urlaube ab, das Goetheinstitut organisierte mit Sandra Saida eine ortskundige Führerin, und die Reise konnte in den Sommerferien losgehen.

„Es war ein bewegendes Erlebnis für mich und meine Töchter“, sagt Hildegard Stumm. Sie hätten sich ein Stück eigener Vergangenheit ins Bewusstsein geholt und dabei viel Herzlichkeit und Zuwendung erlebt. Erstaunt seien sie über den Zustand der Grabanlage mit den zwölf Stelen gewesen. Eine alte, ehemalige Lehrerin kümmere sich um die Anlage. „Deren Mutter wurde im Ersten Weltkrieg bei einer schweren Erkrankung von einem deutschen Arzt behandelt. Aus Dankbarkeit kümmert sich die Tochter noch heute um die Gräber der deutschen Gefallenen“, erzählt die Reisende, die etwas Erde vom Grab des Großvaters aus Lettland mitbrachte. „Sie ist jetzt auf unserem Familiengrab auf Münsters Friedhof“, sagt Hildegard Stumm. Und: „Ich glaube, ich werde nochmals nach Riga reisen.“

Quelle: op-online.de

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